Coronavirus in Italien: Leben im Sperrgebiet / Tag 21 von 24

Heute Morgen war sie da: die Schutzmaske aus Osimo. Beladen mit etlichen Kartons (es müssen immerhin mehr als 12.000 Haushalte versorgt werden), fuhr ein Lieferwagen der Abfallwirtschaftsbetriebe mit offener Ladefläche vor, darauf etliche Kartons mit Masken. Zwei Männer (auch sie mit Maske und Einweg-Handschuhen) bestückten die Briefkästen in der Nachbarschaft mit je einer Maske.

Veränderungen in der Nachbarschaft

Wir sehen hier immer weniger Personen. Die Post kommt weniger häufig vorbei. Meine Abrechnungen etwa kommen derzeit per Mail und meine sonst so reisefreudigen Freunde sitzen brav mit dem Hintern zu Hause (normalerweise bekomme ich nämlich schon ab und an Postkarten, weil ich die bis noch vor etlichen Jahren mit ganz viel Leidenschaft gesammelt habe). Kein gewohntes Klappern also der Briefkästen – nur heute Morgen dann mehr als sonst. Eine Maske pro Haushalt, bis zu fünf Mal waschbar.

Eine Maske pro Haushalt gab es für Bürger in Osimo. (Foto: Nadine Jansen)

Die meisten der Nachbarn, die mit uns im gleichen Haus wohnen, sind derzeit zu Hause. Doch es gibt auch einige darunter, die gemäß den Vorgaben des aktuellen Dekrets weiter arbeiten: ein Laborant bei einem hiesigen Pharmahersteller, einen Polizisten, einen Mitarbeiter in einer Fabrik, eine Familie mit einer Metzgerei und dann auch noch die direkte Nachbarin, die derzeit mit den größten Respekt verdient. Sie arbeitet als Onkologin in dem Krankenhaus in Ancona, in dem etliche Corona-Patienten untergebracht sind. 42 davon liegen alleine auf der Intensivstation. Kein Urlaub auf absehbare Zeit (bereits eingereichter Urlaub wurde gestrichen), kaum Schutzausrüstung, jeden Tag ein großes Risiko (auch wenn sie auf einer anderen Station arbeitet, wenn auch mit Patienten die besonders gefährdet sind) und auch noch ein herzkrankes Kind zu Hause.

Das Thema geht uns alle an…

Heute kam über die WhatsApp-Gruppe der Nachbarschaft dann auch noch eine weitere Info, die uns alle hätte betreffen können. Ein Gemüsehändler im Ort liegt in schlechtem Zustand im Krankenhaus: auch er positiv auf das Coronavirus getestet. Seine Frau und seine Tochter ebenfalls. Der Geschäftsbetrieb ist vorerst eingestellt – und obwohl das kleine Familienunternehmen betont, den notwendigen Schutz ergriffen zu haben, so geht es doch auch selbst an die Öffentlichkeit und fordert Kunden (auch solche, die beliefert worden sind) auf, sich bei der Coronavirus-Hotline zu melden und sich 14 Tage lang in freiwillige Quarantäne zu begeben. Den Händler kennen einige der Nachbarn, die dort – bis vor den Einschränkungen – regelmäßig einkaufen waren.

Solche Nachrichten hören wir hier immer häufiger. Mittlerweile gibt es hier derart viele Erkrankungen, dass wohl niemand mehr behaupten kann, dass ihn das Thema nichts anginge. Abgesehen davon, dass die Maßnahmen hier unser aller Leben einschränken. So viele derzeit bei uns im Haus auch noch arbeiten, einige sitzen auch zu Hause. Da ist die Erzieherin, die zwar gerade ein zwei Monate altes Kind zu Hause hat, aber derzeit auch nicht arbeiten könnte. Der Tänzer und DJ, der zwar bei uns in der Region sehr bekannt ist, momentan aber keine Auftritte hat. Die Schuhverkäuferin, die jetzt zu Hause sitzt, da Schuhe nicht zum Grundbedarf gehören. Ihr Mann, der als Handwerker gerade keine Aufträge hat. Ein Ingenieur, der sei Wochen nicht in seinem Büro war, dass zudem in einer anderen Provinz liegt und noch ein Arbeiter, dessen Arbeitgeber schließen musste, weil das Unternehmen nichts herstellt, das derzeit dringend benötigt wird. Viele von ihnen haben keine Chance auf HomeOffice – doch auch bei mir brechen, insbesondere in den kommenden Wochen sehr viele Einnahmen weg. Hinzu kommt noch eine Arbeitsleistung, die seit Juli 2018 nicht bezahlt worden ist. Das Geld werde ich jetzt vermutlich erst recht abschreiben können.

Und auch wenn jeder von uns immer mal wieder Anflüge eines Lagerkollers hat: besser zu Hause zu sitzen als im Krankenhaus zu liegen. Beschwert Euch also nicht über die Maßnahmen, klagt nicht darüber, dass Ihr nicht auf ein Konzert, zu Freunden oder ins Restaurant könnt, sondern seid einfach froh, dass Ihr Euch nicht angesteckt habt. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Vermutlich nirgendwo ist man derzeit so sicher wie zu Hause.

Tag 21 von 24: Unser Tag zu Hause

Wochenbeginn, Montag. Kein Start in eine lange Woche, sondern nur ein Tag in einer langen Zeit der Ausgangssperre. Offiziell dauert die nur noch vier Tage. Inoffiziell wissen wir längst alle, dass sie verlängert werden soll. Angeblich soll es heute Abend offiziell werden. Bis dahin und bis zum Bekanntgeben der Zahlen am Abend vertreiben wir uns die Zeit so:

  • Wir arbeiten ein Vorschulbuch mit Mal- und Zuordnungsaufgaben durch.
  • Der Kindergarten verschickt direkt am frühen Morgen Beschäftigungsaufgaben für die Kleinen. Heute dreht sich alles um den Buchstaben “W”.
  • Ich habe Themenvorschläge verschickt und einen Text geschrieben (der auch in diesem Fall etwas mit Corona zu tun hatte, aber nicht so sehr ans Eingemachte geht).
  • Wir haben gemalt, gespielt, sind auf unserem Trampolin gehüpft (kleine Kinder haben da eindeutig mehr Ausdauer!)
  • Am Abend versuchen wir es mit dem Brotbacken. Wir haben ein Rezept ohne Hefe gefunden. Ich bin gespannt…
  • Geschrieben habe ich mir heute auch wieder mit Mareike. Einige von Euch kennen sie ja schon. Sie berichtet hier über die Verlängerung der Ausgangssperre in Belgien.

30. März 2020: Die Zahlen des Tages

Diese Zahlen gab der Zivilschutz am heutigen Abend bekannt:

  • 812 Tote (11.591 Tote insgesamt in Italien). 458 dieser Toten gab es übrigens in der Lombardei.
  • 4050 neue Coronafälle (über 1000 Fälle weniger als gestern, jetzt insgesamt 101.739 Infektionen)
  • 14.620 Personen gelten als geheilt (Das sind 1590 mehr als gestern und laut Zivilschutz eine Anzahl von Genesenen, die es in diesem Umfang noch nie in einem 24-Stunden-Zeitraum gegeben hat.)
  • 75.528 Personen sind aktuell erkrankt (3981 davon befinden sich in einem kritischem Zustand)

Situation bei uns in den Marken

In den vergangenen 24 Stunden sind in den Marken 126 weitere Personen positiv getestet worden. Ein positives Signal? Gestern waren es rund 60 Personen mehr – bei etwa gleicher Anzahl von Abstrichen.

Bislang wurden 3684 Personen in den Marken positiv getestet (davon sind 417 Personen im Alter zwischen 27 und 97 Jahren verstorben, 16 Personen gelten in den Marken als genesen – also vergleichsweise nur sehr wenige). Übrigens wurde die erste Person in den Marken am 25. Februar 2020 positiv getestet. Das zeigt auch ganz gut, wie sehr sich die Realität hier im Zeitraum nur eines Monates verändert hat.

Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerungszahl in den Marken von 1.525.271 Personen beträgt das Ansteckungsrisiko derzeit 1: 413. Da in Italien davon ausgegangen wird, dass die Dunkelziffer der positiven Personen in etwa zehnmal so hoch ist, ist auch das Ansteckungsrisiko um ein Vielfaches höher als hier angegeben.

Aktuell sind 1165 Personen in den Marken wegen des Coronavirus in den Krankenhäusern untergebracht. 167 davon liegen auf den Intensivstationen, 315 weitere auf der Intensivzwischenpflege.

 


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Was bisher geschah:  

Leben im Sperrgebiet / Tag 1 von 24 (Italien ist jetzt Sperrgebiet)
Leben im Sperrgebiet: Tag 2 von 24 (Und wenn es Euer Opa wäre?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 3 von 24 (Große Ansteckungsgefahr oder nicht?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 4 von 24 (drohende Versorgungsengpässe, Sonderfall “medizinisches Personal”)
Leben im Sperrgebiet / Tag 5 von 24 (Was man aus der Corona-Geschichte Italiens lernen kann…)
Leben im Sperrgebiet / Tag 6 von 24 (Abläufe und Sicherheit im Supermarkt)
Leben im Sperrgebiet / Tag 7 von 24 (Quarantäne, Betroffene in den Marken, Selbstschutz)
Leben im Sperrgebiet / Tag 8 von 24 (Existenzängste und Einbruch des Tourismus)
Leben im Sperrgebiet / Tag 9 von 24 (Wie funktioniert das jetzt eigentlich mit der Post?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 10 von 24 (Todesursachen und Symptome)
Leben im Sperrgebiet / Tag 11 von 24 (Ansteckungsrisiko und Dunkelziffer)
Leben im Sperrgebiet / Tag 12 von 24 (Zahlen des Zivilschutzes: Warum ist die genaue Benennung der Todeszahlen so wichtig?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 13 von 24 (Welche Firmen müssen schließen?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 14 von 24 (Hilfe aus aller Welt)
Leben im Sperrgebiet / Tag 15 von 24 (Situation in Krankenhäusern / Patienten in kritischem Zustand)
Leben im Sperrgebiet / Tag 16 von 24 (Droht bei Lebensmitteln ein Versorgungsengpass?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 17 von 24 (Leben im Wandel / Situation in Ancona)
Leben im Sperrgebiet / Tag 18 von 24 (Coronavirus als Ursache von Fremdenhass?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 19 von 24 (Was ändert sich für Schulen und Kindergärten?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 20 von 24 (Heute und vor einem Monat…)
Vorsichtsmaßnahmen im Supermarkt

Die Berichte rund um Corona veröffentlichen wir vorrangig in unserer Rubrik Blick ins Ausland. Dort könnt Ihr auch einen Beitrag über die Situation in Belgien lesen. Ihr wollt über Corona derzeit nichts hören oder aber braucht Ablenkung, weil Ihr in Quarantäne sitzt? Dann stöbert doch einmal in unserer Rubrik Spielzeug & Bücher.

Nadine
Über Nadine 308 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

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