Coronavirus in Italien: Leben im Sperrgebiet / Tag 16 von 24

Gerade noch 5 Grad Außentemperatur, Dauerregen und kaum Tageslicht – so präsentiert sich Tag 16 von 24 im Sperrgebiet. Der Lichtstrahl, der für gestern Abend erwartet worden war, hat sich nicht gezeigt. Mehr Tote als tags zuvor. Derzeit weit über 3000 Personen im kritischen Zustand – ihre Zukunft weiter ungewiss. Die Tage ziehen. Abwarten, aussitzen, abwarten. Die Maßnahmen derzeit sind noch strenger. Unternehmensschließungen, vorübergehende Schließungen nicht lebensnotwendiger Produktionen.

Droht bei Lebensmitteln ein Versorgungsengpass?

Ab heute Nacht auch noch die graduelle Schließung von Tankstellen. 85 Prozent weniger Einnahmen und keine Möglichkeit, die eigenen Mitarbeiter und deren Familien effektiv vor der Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, beklagen die Betreiberverbände. Deshalb die Entscheidung, zunächst die Zapfsäulen entlang der Autobahnen, Stadtautobahnen und Zubringer zu schließen, später sollen dann weitere folgen. Eine Entscheidung, die verunsichert. Eine Protestaktion? Von der Regierung vergessen? Grundsätzlich sind derartige Unternehmensentscheidungen nicht zu verdenken. Im Gegenteil: Jeder sollte an die eigenen Mitarbeiter denken – und auch die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens ist ein Punkt, den niemand außer Acht lassen kann. Doch ausgerechnet die Tankstellen? Wir werden hier hervorragend versorgt. Immer noch. Die Supermärkte werden gut beliefert (Per Klick: Hier geht es zum Beitrag über die Abläufe in italienischen Supermärkten), es gibt bei Lebensmitteln keine Versorgungsengpässe, bis auf frische Hefe kann man auch dann noch so ziemlich alles bekommen, wenn man erst gegen Abend einkaufen geht. Frisches Brot war beim letzten Mal aus (wir besorgen nur einmal in der Woche das Nötigste), aber das hat nichts mit der Krise zu tun. Das geschah auch zuvor häufiger am Abend.

Ministerpräsident Giuseppe Conte kündigt jedoch am Abend an, mit den Verbänden zu sprechen. Eine Schließung der Tankstellen? Undenkbar. Und doch halten die Verbände derzeit noch an der Schließung fest. Auch hier gilt es mal wieder, abzuwarten.

85 Prozent weniger Einnahmen, kein ausreichender Schutz für Tankwarte: Die italienischen Tankstellenbetreiberverbände…

Gepostet von Coronavirus in Italien am Dienstag, 24. März 2020

Täglich neue Gerüchte

Hinzu kommen täglich neue Gerüchte. Bei den meisten kann man nicht einmal die Herkunft verifizieren und doch machen sie hartnäckig die Runde:

  • Heiligenstatuen, die angeblich über Italien geflogen werden
  • Berichte von Medikamenten, die viele der Toten eingenommen haben sollen und die den Krankheitsverlauf erschwert haben sollen
  • Berichte über andere Medikamente, die helfen sollen, über die man in Italien aber nichts wisse
  • Mutmaßungen und Fake-Schreiben, in denen immer wieder neue Daten genannt werden? Öffnen die Schulen und Kindergärten nach Ostern wieder? Vielleicht in der ersten Maiwoche oder in der zweiten? Ist das Schuljahr jetzt schon zu Ende, obwohl es eigentlich bis Juni gehen würde? Und ist vielleicht der 31. Juli 2020 das Datum, an dem frühestens alles wieder “normal” wird?

Wir müssen aufpassen und müssen offiziellen Quellen vertrauen. Verschwörungstheorien helfen niemandem weiter, per WhatsApp gestreute Gerüchte auch nicht. Ich weiß gar nicht, wie viele Sprachnachrichten mich am Tag erreichen. Weitergeleitete Nachrichten, in denen angebliche Experten berichten, wie die Situation wirklich sei. Das, was man in den Medien nicht berichten wolle. Das, was die politische Führung angeblich für sich behalte. Ernsthaft? Müssen wir uns auch damit noch herumschlagen? Wenn jeder seine eigene Ansicht hat, besser Bescheid weiß als die politische Führung des Landes, Expertenkomitees und vor allem Ärzte, sorgen wir nur für zusätzliche Unsicherheit. Lasst uns darauf vertrauen, dass vor allem Ärzte und das Pflegepersonal all das tun, was in ihrer Macht steht. Sie sind Experten in ihren Berufen, sie kämpfen täglich an vorderster Front. Sie brauchen keine Laien, die ihnen mitteilen, welches Medikament sie doch jetzt anwenden müssten. Ganz ehrlich: Die meisten von uns wüssten doch nicht einmal, wie ein Beatmungsgerät überhaupt angeschlossen wird – mich eingeschlossen. Also lassen wir diejenigen, die sich damit auskennen, doch einfach ihre Arbeit tun!

Prendersi gioco dei fedeli, in questo momento così particolare, non è il massimo

Gepostet von Bufale am Sonntag, 22. März 2020

Zu Hause zu bleiben ist auch ein Privileg

Wir beschweren uns über die Ausgangssperren, sehnen uns nach einem normalen Leben zurück, wollen Freunde und Familie treffen. Wir bedauern den Urlaub, der ins Wasser fällt, geänderte Pläne, weitere Einschränkungen, die wir zuvor nicht kannten. Spaziergang am Strand? Geht leider nicht. Die abendliche Pizza mit Kollegen? Auf unbestimmte Zeit gestrichen? Und doch: Wir DÜRFEN zu Hause bleiben. Wir dürfen uns da aufhalten, wo wir sicher sind. Anders als Ärzte, Krankenpflegepersonal, Polizisten, Feuerwehrleute, Lkw-Fahrer, Verkäufer, Apotheker, Postboten und Kurierfahrer und viele andere Berufsgruppen, die dafür sorgen, dass unser Grundbedarf gedeckt ist, uns im Notfall geholfen wird, das System nicht zusammenbricht und vor allem die betroffenen Patienten die Hilfe bekommen, die dringend nötig ist.

Sind das nicht alles gute Gründe dafür, um dankbar zu sein und diesen Berufsgruppen das Leben nicht zusätzlich zu erschweren? Etwa weil einige die Regelung, in den Supermarkt gehen zu dürfen, dahingehend ausnutzen, dass sie täglich in die Geschäfte gehen? Mal für eine Tüte Chips, mal für eine Packung Zigaretten? Dadurch gefährden wir nicht nur uns, sondern auch andere. Das Virus sieht man nicht, man erkennt (vor allem asymptomatische) Virusträger nicht und viele wissen nicht einmal selbst, ob sie das Virus nicht vielleicht in sich tragen, unwissentlich Kontakt zu einem Patienten mit Covid-19 hatten.

Der Himmel über Osimo.

Unser Tag zu Hause: Tag 16 von 24

Irgendwie hat es etwas Merkwürdiges. Wir tauschen uns mit Freunden zunehmend über alltägliche Dinge aus – abgesehen von den Entwicklungen des Tages. Darüber, ob wir Wäsche gewaschen haben, was wir gespielt haben, was es zum Essen gab. Denn genau das ist nun unser Alltag.

  • Der Bewegungsmangel macht sich bemerkbar und drückt die Stimmung. Der Balkon ist heute tabu (das Wetter ist einfach zu schlecht). Zeit, endlich mal die Gymnastik-DVDs zu entstauben. Anstrengend zwar, aber mal wieder die Muskeln zu spüren, tut wirklich gut.
  • Auf dem Stapel mit den Büchern, die ich noch besprechen muss, liegt eins, das über den Tod einer Mutter spricht: “Überall und irgendwo”. Harte Kost für Kinder und doch gerade in dieser Zeit für viele Familien so schrecklich nah an der Realität.
  • Der riesengroße Zettelstapel neben meinem Schreibtisch muss weg. Er wird zunehmend instabil. 🙂
  • Alte CDs sind einer neuen Bestimmung zugeführt. Wir haben Hasen daraus gebastelt.
  • Der Wocheneinkauf ist erledigt. Es gibt nach wie vor keine Hefe, auch kein Pizzateig und einige Salatsorten waren nicht vorhanden.

 

🙏🙏🙏<3

Gepostet von Coronavirus in Italien am Montag, 23. März 2020

25. März 2020: Die Zahlen des Tages

Diese Zahlen gab der Zivilschutz am heutigen Abend bekannt:

  • 683 Tote (7503 Tote insgesamt)
  • 5210 neue Coronafälle (39 weniger als gestern, jetzt insgesamt 74.386 Infektionen)
  • 9362 Personen gelten als geheilt (das sind 1036 Personen mehr als gestern)
  • 57.521 Personen sind aktuell erkrankt, 3489 davon befinden sich in einem kritischem Zustand

Situation bei uns in den Marken

In den vergangenen 24 Stunden sind in den Marken 198 weitere Personen positiv getestet worden. Außerdem gab es 57 weitere Todesfälle in der Region. Bislang wurden damit 2934 Personen in den Marken positiv getestet (davon sind 287 Personen im Alter zwischen 27 und 97 Jahren verstorben, 8 Personen gelten in den Marken als genesen).

Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerungszahl in den Marken von 1.525.271 Personen beträgt das Ansteckungsrisiko derzeit 1: 519. 5872Personen befinden sich in häuslicher Isolation/Quarantäne, davon zeigen 1339 Personen aktuell Symptome. Aufgrund der vermutlich hohen Dunkelziffer oder der noch nicht getesteten Personen sowie der langen Inkubationszeit ist das tatsächlich Ansteckungsrisiko wahrscheinlich sehr viel höher. In Relation zur Gesamtbevölkerung sind die Marken die Region, die es bislang am zweitschlimmsten getroffen hat.

Ihr könnt diese Seite natürlich auch ganz einfach teilen, falls Ihr Freunde oder Bekannte habt, die sich für die Situation in Italien interessieren. Passt auf Euch auf! <3

Gepostet von Coronavirus in Italien am Samstag, 14. März 2020

Ich bin übrigens schon froh, dass das noch ausgeliefert wurde. Amazon hat hier am Wochenende angekündigt, vorrangig nur noch wichtige Artikel auszuliefern…


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Was bisher geschah:  

Leben im Sperrgebiet / Tag 1 von 24 (Italien ist jetzt Sperrgebiet)
Leben im Sperrgebiet: Tag 2 von 24 (Und wenn es Euer Opa wäre?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 3 von 24 (Große Ansteckungsgefahr oder nicht?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 4 von 24 (drohende Versorgungsengpässe, Sonderfall “medizinisches Personal”)
Leben im Sperrgebiet / Tag 5 von 24 (Was man aus der Corona-Geschichte Italiens lernen kann…)
Leben im Sperrgebiet / Tag 6 von 24 (Abläufe und Sicherheit im Supermarkt)
Leben im Sperrgebiet / Tag 7 von 24 (Quarantäne, Betroffene in den Marken, Selbstschutz)
Leben im Sperrgebiet / Tag 8 von 24 (Existenzängste und Einbruch des Tourismus)
Leben im Sperrgebiet / Tag 9 von 24 (Wie funktioniert das jetzt eigentlich mit der Post?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 10 von 24 (Todesursachen und Symptome)
Leben im Sperrgebiet / Tag 11 von 24 (Ansteckungsrisiko und Dunkelziffer)
Leben im Sperrgebiet / Tag 12 von 24 (Zahlen des Zivilschutzes: Warum ist die genaue Benennung der Todeszahlen so wichtig?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 13 von 24 (Welche Firmen müssen schließen?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 14 von 24 (Hilfe aus aller Welt)
Leben im Sperrgebiet / Tag 16 von 24 (Situation in den Krankenhäusern / Patienten in kritischem Zustand)
Vorsichtsmaßnahmen im Supermarkt

Die Berichte rund um Corona veröffentlichen wir vorrangig in unserer Rubrik Blick ins Ausland. Dort könnt Ihr auch einen Beitrag über die Situation in Belgien lesen. Ihr wollt über Corona derzeit nichts hören oder aber braucht Ablenkung, weil Ihr in Quarantäne sitzt? Dann stöbert doch einmal in unserer Rubrik Spielzeug & Bücher.

Nadine
Über Nadine 295 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

2 Kommentare

  1. Jeden Tag suche ich deinen neuesten Beitrag und jeden Tag hoffe ich, dass die Zahlen runtergehen und jeden Tag sind es wieder viel zu viele. Ich wünsche euch viel Kraft weiterhin. Wir sitzen auch zu Hause aber immer mit dem Wissen, dass nicht über 600 Menschen gestorben sind und das beruhigt ein wenig, aber an eurer Situation in Italien ist nichts beruhigend.
    Alles Gute und Liebe Grüße

  2. Hallo Nicole, vielen Dank für Deine lieben Worte. Es freut mich, dass Du hier mitliest, das macht es etwas weniger einsam. Aber es ist auch ein Privileg, wenn man gesund zu Hause bleiben darf. Vielen geht es da leider anders. Wir hoffen so sehr, dass die Zahlen endlich runtergehen. 🙁 Liebe Grüße und danke, Nadine

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