Coronavirus in Italien: Leben im Sperrgebiet / Teil 12 von 24

Kaum ein Gesicht kennt man derzeit in Italien sehr gut wie das von Angelo Borrelli, dem Chef des italienischen Zivilschutzes. Jeden Abend geht er auf einer live übertragenen Pressekonferenz auf die aktuelle Situation in Italien ein. Er beziffert darin unter anderem die Zahl der Toten in den vergangenen 24 Stunden, spricht über zusätzliche “aktive Fälle”, die Anzahl der Personen, die als geheilt gelten und die Versorgungssituation an den Krankenhäusern des Landes.

Zielsetzungen der Ausgangssperre

Obwohl er oft zunächst die Zahl der zusätzlich Geheilten beziffert (mit Stand vom 21. März 2020 sind das insgesamt 6072 Personen), hören die meisten Menschen vor allem auf die unmittelbar folgenden Angaben zu den Toten und den aktuellen Infizierten. Dass das so ist, hat viel mit Filterung zu tun und damit, dass es eine Infektion oder noch schlimmer der Tod sind, die uns Angst machen und durch die wir uns bedroht fühlen. Und es sind auch der Tod oder im günstigsten Fall sogar die Infektion, die es zu vermeiden gilt. Oberstes Ziel der Behörden ist es, durch die Ausgangssperre in Italien Neuinfektionen zu vermeiden, damit die Krankenhäuser nicht überlastet sind. Medizinisches Ziel ist es, die bereits Infizierten zu heilen. Im bestmöglichen Fall gibt es irgendwann keine Personen mehr, die sich infizieren UND die Heilung aller Infizierten.

Ein Blick auf die Zahlen des Zivilschutzes

Werfen wir einmal einen Blick auf die Zahlen: Der Zivilschutz listet täglich akribisch auf, wie viele Personen aktuell erkrankt sind, wie viele Fälle es bislang gegeben hat, wie viele Personen verstorben sind, wie viele sich in kritischem Zustand befinden, wie viele als geheilt aus den Krankenhäusern entlassen worden sind, wie viele sich in häuslicher Isolation befinden, aber auch wie viele derzeit auf den Intensivstationen des Landes liegen und wie viele Rachenabstriche überhaupt gemacht worden sind.

Im Detail werden jedoch nicht all diese Zahlen bei der Pressekonferenz genannt. Borrelli hat dabei eine sogenannte “Gatekeeper”-Funktion. Er entscheidet, welche Informationen er vorrangig weitergibt (das sind immer die Anzahl der Geheilten, der Toten, der neuen Fälle sowie der aktuell insgesamt Erkrankten) und spricht über wiederum andere Zahlen auf Nachfrage (in dem Fall sind es dann die Journalisten, die weitere Zahlen für ihre Berichterstattung als nötig betrachten). Alle Zahlen findet man aber auch auf der Seite des Zivilschutzes sowie etwa bei Worldometer, auf der die Fallzahlen aus allen Ländern miteinander verglichen werden. Die für den Staat besonders relevanten Zahlen sind dort farblich hervorgehoben: Die Zahl der Toten in Rot, die der neuen Fälle in Gelb. Das sind die Zahlen, die es zu reduzieren gilt. Die steigende Zahl der Geheilten macht Hoffnung, ist für den Zivilschutz und die Mediziner im Moment der Heilung aber kaum noch relevant. Nicht, weil sie sich nicht über jeden einzelnen Gesundeten freuen würden, sondern weil dies glücklicherweise ein Mensch ist, der vom System in diesem Fall nicht mehr aufgefangen werden muss.

Italien, 21. März 2020793 weitere Tote6557 neue Coronafälle

Gepostet von Coronavirus in Italien am Samstag, 21. März 2020

Eilmeldung und aktueller Tagesbericht

Deshalb hebe auch ich abends in einer Eilmeldung (ebenso wie es übrigens andere Medien und Journalisten machen), auch nur die Zahl der Toten und der neu festgestellten Coronafälle hervor. Aber auch, weil es nicht nur Zahlen sind, sondern derart viele Menschenleben, die durch das Coronavirus ein Ende gefunden haben. Es ist notwendig, auf diese Schicksale aufmerksam zu machen, innezuhalten und nicht zu vergessen, dass hinter jedem Toten ein Opfer sowie Angehörige stecken, deren Leben sich nachhaltig und tragisch für immer verändert hat.

Kaum ist diese Meldung raus, ergänze ich im Lagebericht weitere Zahlen (die aus den Marken kommen oft schon gegen Mittag, die landesweiten und zusammengerechneten Zahlen gibt es immer erst in einer Übersicht am Abend). Dort findet Ihr seit Tag 1 auch die Zahl der Geheilten, aber auch die der insgesamt Erkrankten. Den Text veröffentliche ich spätestens anderthalb Stunden nach der Eilmeldung, meist aber auch schneller, und poste ihn außerdem direkt unterhalb der Eilmeldung, da nicht immer jeder alle Texte von Coronavirus in Italien oder anderen Seiten auf seiner Timelime angezeigt bekommt.

Darum sind die Zahlen zu Toten und Neuinfektionen so wichtig

Gestern gab es auf der Facebook-Seite eine sehr vehemente Meinung, dass das medialer Terrorismus sei, die Zahl der Toten hervorzuheben, nicht aber gleichzeitig die der Geheilten. Eine Einzelmeinung (schaut dazu bitte auch noch einmal das Video von Dr. Julia Fischer), die uns aber wieder auf den Stand bringt, den wir vor weit über zwei Wochen in Italien und vor gar nicht allzu langer Zeit in Deutschland hatten: medialer Terrorismus, Hype von Zahlen, ist doch nur eine Grippe, alles übertrieben.

Ist die ganze Aufregung gerechtfertigt oder schlicht medialer Hype?

Fragt ihr euch auch, warum wir gegen das Coronavirus so drastische Maßnahmen ergreifen, obwohl weltweit viel mehr Menschen an anderen Erkrankungen sterben? Sind die der Welt egal?.Credit Infografik: @infobeautiful#corona #coronavirus #covid19 #sarscov2 #wissenschaft #science #medizin #medicine #schutz #prävention #bettersafethansorry #gesundheit #virus #lebenretten #verschwörung #leichterklärt #Moderatorin #presenter #impfung #medikamente #health #healthyliving #keinepanik #killvervirus #wissenistmacht #loyalität #loyalty

Gepostet von Dr. Julia Fischer am Montag, 16. März 2020

 

Sich ausschließlich oder vor allem auf die Zahl der glücklicherweise Geheilten zu konzentrieren, ist in einer Zeit, in der es Neuinfektionen zu vermeiden und eine Pandemie zu bekämpfen gilt, schlichtweg irreführend. Dadurch, dass weitere Personen als geheilt gelten, sind andere Personen nicht geschützt (noch ist nicht einmal klar, ob “geheilt” auch “immun” bedeutet), aber sie sind durch den Anstieg an Neuinfektionen statistisch viel bedrohter als zuvor und durch den Anstieg der Belegung der Intensivbetten und Beatmungsplätze ist die adäquate Versorgung weiterer Patienten insbesondere in den besonders betroffenen Gebieten im Norden gefährdet.

Deshalb sollten gerade diese Zahlen – also die Nennung der Toten und der zusätzlichen Coronafälle – endlich aufrütteln und zeigen, wie wichtig es ist, den Anweisungen der Regierungen Folge zu leisten, zu Hause zu bleiben und sich zum Beispiel auch oft die Hände zu waschen, um ein Übertragungsrisiko zu minimieren (das sollte man aber sowieso immer tun). Damit eben der Anstieg dieser Zahlen und eine weitere Verschlimmerung der Situation vermieden werden können. Denn noch immer haben es nicht alle verstanden: Bleibt zu Hause, schützt Euch und andere – und haltet Abstand zu anderen Personen! Damit es hoffentlich bald keine Neuinfektionen mehr gibt, die Krankenhäuser allen Betroffenen helfen und wir uns sobald wie möglich wieder umarmen können!

Coronavirus: Die Zahlen des Tages – 21. März 2020

Tag 11 des Lockdowns in Italien. Wir schauen mit Spannung auf die Zahlen vom Abend. Es sind nur noch zwei Tage bis Sonntag. Müsste die Kurve nicht langsam etwas abflachen? Funktionieren die Maßnahmen? Können wir endlich etwas aufatmen? Das Errichten von Triage-Zelten, Feldkrankenhäusern und die Pläne, die Messe in Mailand in ein Krankenhaus umzurüsten, erschrecken.

Diese Zahlen gab der Zivilschutz am heutigen Abend bekannt:

  • 793 (!!!) zusätzliche Tote (das sind noch einmal knapp 170 mehr als gestern, jetzt 4825 Tote insgesamt – zum Vergleich: in China sind bislang 3255 Personen verstorben [zehn mehr seit gestern])
  • 6557 zusätzlich positiv getestete Personen (bislang 53.578 Infektionen)
  • 6072 Personen gelten als geheilt (das sind fast 1000 Personen mehr als gestern)
  • 42.681 Personen sind aktuell erkrankt, 2857 davon befinden sich in einem kritischem Zustand

Situation bei uns in den Marken: In den vergangenen 24 Stunden sind in den Marken 172 weitere Personen positiv getestet worden. Damit gibt es bislang 2153 Fälle in den Marken (davon sind 153 Personen im Alter zwischen 27 und 97 Jahren verstorben, 2 Personen gelten in den Marken seit heute als genesen). 141 Personen liegen hier in der Region auf den Intensivstationen, 128 weitere auf der Intensivzwischenpflege (IMC). Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerungszahl in den Marken von 1.525.271 Personen beträgt das Ansteckungsrisiko derzeit 1: 708. Aufgrund der vermutlich hohen Dunkelziffer oder der noch nicht getesteten Personen sowie der langen Inkubationszeit ist das tatsächlich Ansteckungsrisiko wahrscheinlich sehr viel höher. In Relation zur Gesamtbevölkerung sind die Marken die Region, die es bislang am zweitschlimmsten getroffen hat.

Ihr könnt diese Seite natürlich auch ganz einfach teilen, falls Ihr Freunde oder Bekannte habt, die sich für die Situation in Italien interessieren. Passt auf Euch auf! <3

Gepostet von Coronavirus in Italien am Samstag, 14. März 2020

Unser Tag zu Hause: Tag 12 von 24

Wochenende – und das ist gar nicht mal so anders als sonst. Abgesehen davon vielleicht, dass wir uns nicht mit Freunden treffen, nicht vor die Tür gehen und trotz wunderschönem Wetter in den eigenen vier Wänden bleiben.

Unser tägliches Balkonprogramm: “Hände vors Herz” von Yogatherapeutin Alex Bauermeister. (Cover: Flora Waykott /cbj / Produktfoto: Nadine Jansen)

Das haben wir erledigt:

  • Bei mir stapeln sich wieder einige Besprechungsexemplare von Kinderbüchern. Da werde ich mich in den kommenden Tagen und Wochen auch drum kümmern. Normalerweise haben wir jeden Dienstag eins besprochen, doch momentan muss das einfach etwas warten. Gelesen werden natürlich jetzt schon alle – aber das Schreiben und Fotografieren nimmt doch viel Zeit in Anspruch. Immerhin die zu “Hände vors Herz” habe ich fertig – die steht dann ab Dienstagmorgen online (vorprogrammiert).
  • Mails beantworten, die in der Woche etwas untergegangen sind.
  • Sandburgen bauen mit kinetischem Sand (geht auch am Küchentisch).
  • Kleiderschrank aussortieren.
  • Bastelarbeiten für die kommende Woche überlegen.
  • Und abends schauen wir mit der ganzen Familie einen Film. Da wie immer das jüngste Familienmitglied aussuchen darf, landen wir bei dem zauberhaften Disney-Film “Verwünscht” (Ausleihe bei Amazon möglich)

*****

Was bisher geschah:  

Leben im Sperrgebiet / Tag 1 von 24 (Italien ist jetzt Sperrgebiet)
Leben im Sperrgebiet: Tag 2 von 24 (Und wenn es Euer Opa wäre?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 3 von 24 (Große Ansteckungsgefahr oder nicht?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 4 von 24 (drohende Versorgungsengpässe, Sonderfall “medizinisches Personal”)
Leben im Sperrgebiet / Tag 5 von 24 (Was man aus der Corona-Geschichte Italiens lernen kann…)
Leben im Sperrgebiet / Tag 6 von 24 (Abläufe und Sicherheit im Supermarkt)
Leben im Sperrgebiet / Tag 7 von 24 (Quarantäne, Betroffene in den Marken, Selbstschutz)
Leben im Sperrgebiet / Tag 8 von 24 (Existenzängste und Einbruch des Tourismus)
Leben im Sperrgebiet / Tag 9 von 24 (Wie funktioniert das jetzt eigentlich mit der Post?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 10 von 24 (Todesursachen und Symptome)
Leben im Sperrgebiet / Tag 11 von 24 (Ansteckungsrisiko und Dunkelziffer)
Vorsichtsmaßnahmen im Supermarkt

Die Berichte rund um Corona veröffentlichen wir vorrangig in unserer Rubrik Blick ins Ausland. Dort könnt Ihr auch einen Beitrag über die Situation in Belgien lesen. Ihr wollt über Corona derzeit nichts hören oder aber braucht Ablenkung, weil Ihr in Quarantäne sitzt? Dann stöbert doch einmal in unserer Rubrik Spielzeug & Bücher.

Nadine
Über Nadine 295 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

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