Coronavirus in Italien: Leben im Sperrgebiet / Tag 15 von 24

Gestern war Halbzeit. Noch knapp 14 Tage und dann ist es vorbei. Eigentlich. Doch dieses bitterböse Spiel geht ganz sicher in die Verlängerung. Kindergärten und Schulen werden kaum am 4. April 2020 wieder öffnen. Es mehren sich die Gerüchte, dass der 2. Mai 2020 im Raum stehe. Und auch Ministerpräsident Giuseppe Conte hat bereits betont, dass die Maßnahmen in Italien verlängert werden müssen.

 Aktuelle Zahlen des Tages sowie Überblick der bisherigen Themen weiter unten. 

Erkrankte im persönlichen Umfeld

Für uns ist es wichtig, diese Partie zu gewinnen, das Virus in seine Schranken zu verweisen und als Sieger vom Platz zu gehen. Nach Möglichkeit mit all denen, die zusammen angetreten sind. Es ist nicht richtig, dass so viele Menschen auf der Strecke bleiben, dass viele um ihr Überleben kämpfen, sich das Leben vieler Menschen auf tragische Weise für immer verändert, weil sie Angehörige und Freunde verloren haben. Wir hören immer mehr Geschichten aus dem erweiterten persönlichen Umfeld – von Angehörigen von Personen, die aufgrund des Coronavirus verstorben sind oder deren Familienangehörige um ihr Leben kämpfen. Ein Kollege meines Mannes (gerade um die 50, keine Vorerkrankungen) musste intubiert werden. Zwei Tage später die Entwarnung: Er atmet wieder selbstständig.

Im Nachbarhaus ist vor ein paar Tagen ein Krankenwagen vorgefahren und hat Lebensmittel gebracht. Vorgegangen wird so etwa dann, wenn es einen Verdachtsfall gibt.

Aktualisierte Auskunft des GORES zur Situation in den Marken mit Stand vom 24. März 2020, 12 Uhr. (Quelle: GORES)

Situation in den Krankenhäusern der Region

Es gibt in Ancona zwei Krankenhäuser, die Corona-Patienten aufnehmen und zu Covid-19-Krankenhäusern geworden sind. In dem größeren Krankenhaus sind allein 38 Personen auf der Intensivstation und 17 Personen auf der Intensivzwischenpflege untergebracht. 75 weitere werden auf anderen Stationen dieses Krankenhauses behandelt, 58 befinden sich in post-kritischem Zustand. Das macht allein 188 Personen im größten Krankenhaus der Region. Der Ehemann einer Bekannten arbeitet in einem weiteren Krankenhaus in Ancona, in dem aktuell 43 Corona-Patienten untergebracht sind. Weil er Kontakt zu einem positiv getesteten Patienten hatte, musste er vorübergehend in Quarantäne. Die ist vorbei, er hat keine Symptome. Jetzt arbeitet er wieder – mit weitaus höherer Ansteckungsgefahr als noch vor zwei Wochen.

Täglich bekommen wir in den Marken per Telegram-Dienst Informationen zum Erkrankungsstand in unserer Region. Seit gestern gab es keine weitere Person, die genesen ist. Dafür jedoch 28 weitere Todesfälle. Nicht umsonst mahnt der italienische Zivilschutz, weiter abzuwarten. Zudem könne die Dunkelziffer in etwa zehn Mal so hoch sein wie der tatsächlich bekannte Stand. Das würde für uns bedeuten, dass es in den Marken nicht nur 2736 Coronafälle gibt, sondern möglicherweise über 27.000. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung der Marken würde das derzeit einem Ansteckungsrisiko von etwa 1:55 entsprechen.

Auch deshalb wird derzeit in Rekordgeschwindigkeit ein weiteres Krankenhaus gebaut. Unternehmen der Region sind gebeten worden, dazu finanzielle Beiträge zu leisten. Schwierig in einer Situation, in der vielen die Aufträge wegbrechen oder Firmen aufgrund des aktuellen Dekrets geschlossen werden mussten. Die Marken haben zudem längst Hilfe angefordert. Weitere Mediziner werden benötigt. Die Region ist mit ihren anderthalb Millionen Einwohner die Region, die nach der Lombardei und in Relation der Coronafälle zur Gesamtbevölkerung, am meisten betroffen ist.

Abweichungen bei der Zahl der Coronafälle – Warum passiert das?

Es macht Hoffnung, dass auch die Zahl der Personen steigt, die als genesen gelten. Doch die Zahl der Toten in Italien ist nach wie vor weitaus höher. Einigen von Euch ist es schon aufgefallen. Die Zahlen, die der Zivilschutz am Abend nennt, weicht von den Zahlen ab, die ich am Abend poste. Allein gestern war der Unterschied der neuen Coronafälle mit rund 1000 Personen signifikant. Doch das lässt sich ganz einfach erklären:

  • Der Zivilschutz gibt am Abend die Zahl der zusätzlichen aktiven Fälle bekannt.
  • Auf der Seite Coronavirus in Italien (per Klick zur Seite) findet Ihr am Abend die neu festgestellten Coronafälle.  Das klingt erst einmal ähnlich, ist es aber nicht.

Beide Zahlen sind richtig, es gibt also weder den Zivilschutz, der verheimlicht – noch andere Quellen, die übertreiben. Bei den Berechnungen des Zivilschutzes ist zunächst einmal die Zahl der neu festgestellten Coronafälle wichtig, die jedoch nicht explizit genannt wird.

Das sind heute: 5249 neue Coronafälle.

Der Zivilschutz benennt jedoch weitaus weniger neue Coronafälle. Das liegt daran, dass für ihn nicht die Zahl der hinzukommenden Patienten (aktuell getätigte Rachenabstriche und Anzahl der dadurch im 24-Stunden-Zeitraum positiv getesteten Personen) wichtig ist, sondern die Zahl der noch zu behandelnden Patienten. Das wären im Vergleich zu gestern 3612 Patienten mehr. Denn der Zivilschutz zieht bei seinen Berechnungen sowohl die Zahl der genesenen Patienten als auch die Anzahl der Todesopfer ab. Beide Gruppen fallen aus der Statistik raus, weil sie keine medizinische Behandlung mehr benötigen und nicht mehr auf das Gesundheitssystem angewiesen sind.

L'emergenza continua! Noi non possiamo e non vogliamo fermarci e rimaniamo in prima linea… Ma voi restate a casa!#criosimo #crocerossa #UnItaliacheAiuta #ovunqueperchiunque #coronavirus #emergenza

Gepostet von Croce Rossa Italiana – Comitato di Osimo am Samstag, 21. März 2020

Überlastung der Krankenhäuser

Auch wenn die Zahlen also auf den ersten Blick sinken, werden die Krankenhäuser mit jedem Tag zusätzlich belastet. Die Gesamtzahl der Patienten steigt weiter und auch die Zahl derjenigen, die sich in einem kritischen Zustand befinden. Aktuell sind dies mit Stand vom 24. März 2020, 18 Uhr, 3393 Patienten. Kritisch bedeutet, dass sie sich in Lebensgefahr befinden. Sie können es schaffen – oder aber auch nicht. Ebenso wie die Anzahl der Todesopfer von Tag zu Tag beträchtlich sinken könnte, könnte sie auch von einem Tag auf den nächsten Tag wieder ansteigen. Deshalb ist der alleinige Blick auf die Zahl der Genesenen auch gefährlich und könnte einige Personen in falscher Sicherheit wiegen. Auch wenn Personen genesen, so steigt die Ansteckungsgefahr für die Bevölkerung jedoch weiterhin und auch das Risiko, die Ansteckung mit dem Coronavirus nicht zu überleben.

Freuen wir uns also über jeden, der die Infektion überwunden hat, aber bleiben wir auch achtsam! Noch ist die Gefahr nicht gebannt, noch braucht es viele Einschränkungen aller, um die weitere und zu schnelle Ausbreitung einzudämmen und den Krankenhäusern etwas Luft zu verschaffen, damit nicht alle Patienten gleichzeitig auf einen Beatmungsplatz angewiesen sind. Die nämlich reichen längst nicht in allen Regionen und erfordern die Verlegung von Patienten. Auch deshalb ist es eine tolle Geste, dass andere Länder mit Equipment aushelfen oder aber – wie zum Beispiel das Land Sachsen anbieten, Corona-Patienten bei sich aufzunehmen und zu behandeln.

??Europäische Solidarität für Italien?? : Auf Vermittlung von Ambasciata di Germania Roma kamen heute Nacht die ersten…

Gepostet von Auswärtiges Amt am Dienstag, 24. März 2020

Unser Tag zu Hause – Tag 15 von 24

Wir sind an dem Punkt, an dem es schwierig wird, einen Überblick darüber zu behalten, welcher Wochentag gerade ist. Der Kindergarten ist zu (und bleibt es vermutlich auch noch lange), Sportkurse, Verabredungen, regelmäßige Termine unter der Woche fallen weg. Der Montag ist dadurch wie der Mittwoch und der Mittwoch wie der Freitag. Feste Bestandteile unseres Tages sind – abgesehen von den Mahlzeiten – die Nachrichten von Seiten offizieller Institutionen. Übersicht über die zusätzlich positiv getesteten Personen in den Marken irgendwann am Vormittag zwischen 9 und 10 Uhr, detaillierte Übersicht inklusive Krankenhausbelegung zur Mittagszeit, Pressekonferenz des Zivilschutzes am Abend (die Zahlen des heutigen Tages findet Ihr weiter unten).

Aktivitäten für die nächsten Tage. Was wir tun, soll eine kleine Überraschung sein und für Abwechslung sorgen. (Foto: Nadine Jansen)

Unser Tagesprogramm und eine große Überraschung…

  • Wir haben gemalt, ich habe geschrieben.
  • Da die kleine Dame des Hauses entsprechende Zettel gezogen hat, haben wir das Äpfelchen-Spiel (Amazon-Link) gespielt, Bücher gelesen und auch etwas ferngesehen.
  • Mein Schreibtisch ist nun aufgeräumt (solange man nicht in die Schubladen guckt, aber wer weiß, wie lange man sich das noch einteilen kann… ?)
  • Die Nachricht, die uns heute sehr überrascht hat, war die, dass in Italien etliche Tankstellen schließen werden. Ab Mittwochnacht die an den Autobahnen, Stadtautobahnen und Autobahnzubringern, danach auch weitere. Auf lange Zeit? Nur eine Protestaktion? Die Einnahmen der Tankstellenbetreiber sind (aufgrund der vielen Einschränkungen hier und auch weil niemand mehr seine Heimatgemeinde verlassen soll) um rund 85 Prozent eingebrochen. Außerdem beklagen die Betreiberverbände, dass Tankwarte einem zu hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt seien. Falls hier Berufskraftfahrer mitlesen sollten: Informationen zur Situation für Lkw-Fahrer findet Ihr immer im Ticker der Verkehrsrundchau, für die ich seit mehr als fünf Jahren als Korrespondentin arbeite.

???<3

Gepostet von Coronavirus in Italien am Montag, 23. März 2020

24. März 2020: Die Zahlen des Tages

Diese Zahlen gab der Zivilschutz am heutigen Abend bekannt:

  • 743 Tote (141 Tote mehr als gestern, 6820 Tote insgesamt – zum Vergleich: in China sind bislang 3277 Personen verstorben)
  • 5249 neue Coronafälle (rund 500 mehr als gestern, jetzt insgesamt 69.176 Infektionen)
  • 7024 Personen gelten als geheilt (das sind 1302 Personen mehr als gestern)
  • 54.030 Personen sind aktuell erkrankt, 3393 davon befinden sich in einem kritischem Zustand

Die Zahlen sinken, aber es gibt noch keinen Grund aufzuatmen, denn die Krankenhäuser sind weiterhin überlastet. Rund 4000 Personen mehr als gestern müssen behandelt werden, es befinden sich weitere 204 in einem kritischen Zustand. Das macht 3204 Personen, die vorrangig intensivmedizinisch versorgt werden müssen – zusätzlich zu den Personen, die aufgrund anderer Erkrankungen Intensivbetten benötigen.

Situation bei uns in den Marken

In den vergangenen 24 Stunden sind in den Marken 185 weitere Personen positiv getestet worden. Außerdem gab es 28 weitere Todesfälle in der Region. Bislang wurden damit 2736 Personen in den Marken positiv getestet (davon sind 230 Personen im Alter zwischen 27 und 97 Jahren verstorben, 8 Personen gelten in den Marken als genesen).

Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerungszahl in den Marken von 1.525.271 Personen beträgt das Ansteckungsrisiko derzeit 1: 557. 5397 Personen befinden sich in häuslicher Isolation/Quarantäne, davon zeigen 1158 Personen aktuell Symptome. Aufgrund der vermutlich hohen Dunkelziffer oder der noch nicht getesteten Personen sowie der langen Inkubationszeit ist das tatsächlich Ansteckungsrisiko wahrscheinlich sehr viel höher. In Relation zur Gesamtbevölkerung sind die Marken die Region, die es bislang am zweitschlimmsten getroffen hat.

Ihr könnt diese Seite natürlich auch ganz einfach teilen, falls Ihr Freunde oder Bekannte habt, die sich für die Situation in Italien interessieren. Passt auf Euch auf! <3

Gepostet von Coronavirus in Italien am Samstag, 14. März 2020

Ich bin übrigens schon froh, dass das noch ausgeliefert wurde. Amazon hat hier am Wochenende angekündigt, vorrangig nur noch wichtige Artikel auszuliefern…


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Was bisher geschah:  

Leben im Sperrgebiet / Tag 1 von 24 (Italien ist jetzt Sperrgebiet)
Leben im Sperrgebiet: Tag 2 von 24 (Und wenn es Euer Opa wäre?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 3 von 24 (Große Ansteckungsgefahr oder nicht?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 4 von 24 (drohende Versorgungsengpässe, Sonderfall “medizinisches Personal”)
Leben im Sperrgebiet / Tag 5 von 24 (Was man aus der Corona-Geschichte Italiens lernen kann…)
Leben im Sperrgebiet / Tag 6 von 24 (Abläufe und Sicherheit im Supermarkt)
Leben im Sperrgebiet / Tag 7 von 24 (Quarantäne, Betroffene in den Marken, Selbstschutz)
Leben im Sperrgebiet / Tag 8 von 24 (Existenzängste und Einbruch des Tourismus)
Leben im Sperrgebiet / Tag 9 von 24 (Wie funktioniert das jetzt eigentlich mit der Post?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 10 von 24 (Todesursachen und Symptome)
Leben im Sperrgebiet / Tag 11 von 24 (Ansteckungsrisiko und Dunkelziffer)
Leben im Sperrgebiet / Tag 12 von 24 (Zahlen des Zivilschutzes: Warum ist die genaue Benennung der Todeszahlen so wichtig?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 13 von 24 (Welche Firmen müssen schließen?)
Leben im Sperrgebiet / Tag 14 von 24 (Hilfe aus aller Welt)
Vorsichtsmaßnahmen im Supermarkt

Die Berichte rund um Corona veröffentlichen wir vorrangig in unserer Rubrik Blick ins Ausland. Dort könnt Ihr auch einen Beitrag über die Situation in Belgien lesen. Ihr wollt über Corona derzeit nichts hören oder aber braucht Ablenkung, weil Ihr in Quarantäne sitzt? Dann stöbert doch einmal in unserer Rubrik Spielzeug & Bücher.

Nadine
Über Nadine 310 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

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