Autorin Anja Janotta packt es an: Rechtschreibschwäche und Mobbing

Interview

Kinder- und Jugendbuchautorin Anja Janotta hat mit "Linkslesestärke" eine Mutmachgeschichte für Kinder mit Rechtschreibschwäche geschrieben. (Autorenfoto: Daniel Treplin)

Beeindruckt hat uns das Buch “Linkslesestärke”, das wir bereits vorgestellt haben (per Klick direkt zur Rezension) . Doch wer ist eigentlich die Autorin, die aus der Rechtschreibschwäche ganz einfach eine Stärke gemacht hat? Wir haben mit Anja Janotta, die übrigens selbst Mutter einer Tochter mit Rechtschreibschwäche ist, über ihre eigenen Erfahrungen, ihr Buch und über Mobbing an Schulen gesprochen. Klar, dass auch hier die lustigen Wortspiele der Autorin nicht fehlen dürfen. Ob Ihr alle Rätsel knacken könnt?

Schreiben – ein ganz besonderes Tal-End

Liebe Frau Janotta, sind Sie eigentlich Rechtshänderin oder Linkshänderin? Und wie viel Spaß hatten sie als Kind daran, endlich schreiben zu lernen?

Ich bin Rechtshänderin. Und wenn ich mir ansehe, wie grauenhaft meine linke Hand Klavier spielt, wohl auch eine echte. Das Schreiben – das ich nicht mit links gelernt habe – war mir zwar wichtig, aber nicht so wichtig wie das Lesen lernen. Meine Mutter ist eine ausdauernde Vorleserin gewesen und deshalb wollte ich gerne irgendwann selbst die Sätze entziffern können, einfach um noch viel, viel mehr Geschichten erzählt zu bekommen. Der Spaß an guten Geschichten ist mir bis heute geblieben.

Bei einer “Linkslesestärke” hat die Rechtschreibschwäche keine Chance

Für Mira sind Buchstaben längst zu Fluchstaben geworden. Sie verdreht alles und vergisst sogar Namen. Doch für ihren längsten Freund ist klar: Mira hat eine Linkslesestärke. Das klingt auf jeden Fall positiver als eine Rechtschreibschwäche. […]

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Sie sind Diplom-Journalistin, haben mittlerweile auch mehrere Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Wie wichtig ist das Schreiben in Ihrem Leben?

Sehr wichtig. Eigentlich auch deshalb, weil ich nichts anderes so gut kann. Es gab einfach kein anderes Tal-End, auf das ich sonst hätte zurückgreifen können. Mein Verständnis für Matte-matt-Tick zum Beispiel hat in dem Augenblick aufgehört, als die Buchstaben dazukamen. Die gehörten einfach zu Deutsch. Punkt.

Foto: Nadine Jansen / www.kitamaus.de

Umgang mit einer Rechtschreibschwäche

Sie haben ein ganz besonderes Sprachgefühl und hatten vermutlich auch mit der richtigen Rechtschreibung nie Probleme. Und doch mussten Sie sich plötzlich mit einer Rechtschreibschwäche auseinander setzen… Wie genau kam das?

Na ja, meine Rechtschreibung hat tatsächlich deutlich gelitten, seitdem ich die “Linkslesestärke” geschrieben haben. Soweit ich die Tee-Ohr-ih übers Rechtschreiben richtig verstanden habe, dann lernen wir Bilder von Wörtern. Seitdem ich Fremdwörter aber bewusst falsch schreibe, ist mein Wort-Bild-Gedächtnis komplett durcheinander gerüttelt. Ich mache viel mehr Fehler als vorher. Jetzt weiß ich aber, wie es meiner Tochter gehen muss, bei der man in der dritten Klasse eine pass-a-bläh Rechtschreibschwäche festgestellt hat. Bei uns hing derart der Haussegen schief, dass ich zur Aufmunterung ein Buch gesucht habe, das einen Held oder Heldin hat mit Leg-Gast-eh-nie. Ich fand aber keins. Und dann habe ich mich einfach an meinen Kindheitstraum erinnert, mal Schriftstellerin zu werden und mich einfach mal dran gesetzt. Die Mira, meine Heldin und meiner Tochter nicht so ganz unähnlich, hat mir einfach ihre Geschichte tickt-irrt.

Fühlt man sich als Mutter da hilflos? Hatten Sie Ideen, wie Sie helfen könnten? Was haben Sie zur Unterstützung gemacht?

Wir haben mit einer Tee-rar-Beute-in zusammenarbeitet. Die hat uns erklärt, dass meine Tochter  mehr räumlich sieht, dafür aber nicht ganz so linie-A guckt wie wir, die wir ganz stur von links nach rechts lesen. Mir ist ein Licht aufgegangen, als sie uns beide einen Text hat lesen lassen, der zweimal gespiegelt war, einmal nach unten und einmal zur Seite. Ich habe nix erkannt, gestottert und gestöpselt. Meine Tochter aber las diesen Brei von Buchstaben flüssig runter.

Rechtschreibschwäche und Mobbing

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, aus einer Rechtschreibschwäche ausgerechnet eine “Linkslesestärke” zu machen?

In meiner Familie – wir sind zu viert – spielen wir immer gern mit Sprache und Worten. Irgendwann entstand eben dieses Wort: Linkslesestärke. Denn “Schwäche”, das sagt ihr bester Freund schon zu Mira, ist ein doofes Wort. Und ich hatte gar nicht mehr als diese Idee als Titel und dann hat sich die Geschichte einfach so ergeben. Heute schreibe ich ganz anders Bücher, ganz klassisch, mit Ex-Po-See und allem anderen, was dazugehört. Aber in diesem Fall habe ich die Geschichte, die meine Heldin nur dick-Tieren musste, runtergeschrieben. Und das rar-Sand schnell innerhalb von sechs Wochen.

Mira, die Protagonistin in Ihrem Buch, wird wegen ihrer Rechtschreibschwäche in der Schule gemobbt. Wie sehr liegt Ihnen das Thema Mobbing am Herzen?

Vieles in dem Buch ist so oder ähnlich tatsächlich passiert. Die Szene mit der Lolli-Erpressung zum Beispiel. Sie lief zwar viel harmloser ab als im Buch beschrieben, aber die gab’s tatsächlich. Auch die Mobbing-Erfahrungen sind einem Freund von uns wirklich passiert, der sehr unter seiner Leg-Gast-eh-nie gelitten hat. Ist ja auch blöd, wenn einen allein dieses Wort schon im Voraus als “schwach”, als Opfer  abstempelt. In der “Linkslesestärke” läuft es erst dann für Mira besser, als sich Erwachsene einschalten, als Mira sich traut, über das zu reden, was ihr zustößt. Das ist, glaube ich, die wichtigste Botschaft, die ich mitgeben möchte: Redet! Macht euch bemerkbar! Dann könnt ihr Hilfe bekommen.

“Redet! Macht euch bemerkbar! Dann könnt ihr Hilfe bekommen.” (Anja Janotta)

Knifflige Wortspiele für Jedermann

Trotz der beiden ernsten Themen, die Sie übrigens hervorragend miteinander verknüpft haben, ist die “Linkslesestärke” immer wieder erfrischend humorvoll. Warum war es Ihnen wichtig, auch leichte und lustige Elemente mit einzubauen?

Kinderbücher mit so einem ernsten Tee-Ma müssen lustig sein und un-Peter-logisch rüberkommen. Sonst mag’s doch keiner lesen. Und ich langweile mich selbst schon beim Schrei…gähn..ben. Allerdings kam mir die Idee mit den komisch verdrehten Fremdwörtern erst nach den ersten 100 Seiten. Da durfte ich dann einiges nacharbeiten.

Für jeden Spaß zu haben: Autorin Anja Janotta bei ihrer Zier-Kuss-Lesung. (Foto: Irene Margil)

In Ihrem Buch sind auch einige knifflige Wortspiele enthalten. Gar nicht so leicht, alles direkt zu entschlüsseln.  Man könnte meinen, Sie fordern Ihre jugendlichen Leser gerne heraus…

Die Kids sind darin viel schneller als wir Erwachsenen, die einfach festgefügte Wortmuster im Kopf haben. Bei Lesungen lasse ich gerne die Lehrer gegen die Schüler im Wortspiel-Raten antreten. Und fast immer gewinnen die Kids. Neulich in der Schweiz hatte ich einen Zuhörer, der alles sofort als Erster alles raushatte, sogar die wirklich höllisch schwere Kater-Stroh-Fee. Er war auch der Erste, der selbst ein Wortspiel an die Tafel gemalt hat. Ich war überzeugt, der ist bestimmt Klassenbester, der ab-soll-Ute Überflieger. War aber nicht so. Nach der Lesung hat er mir erzählt, dass er sich in der Schule total schwer tut, weil er – eine Linkslesestärke hat.

Wie groß ist die Herausforderung, beim Thema Mobbing an Schulen aufzuklären? Haben Sie vielleicht sogar direkt an Schulen schon etwas bewegen können? 

Leider können wir mit den Kindern meistens gar nicht so umfassend über das Mobbing Disco-Tieren wie ich das gerne tun würde. Offenbar ist das auch kein Tee-Ma, über das jeder gleich offen vor der ganzen Klasse reden will. Für mich sind auch schon die kleinen Momente sehr berührend, wenn ich sehe, dass das Buch was bewirkt. Zum Beispiel, wenn gerade die linkslesestarken Kinder oder die erkennbaren Außenseiter die Ersten sind, die sich trauen, ein Wortspiel auf die Tafel zu malen, wenn diese die Gelegenheit haben zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt.


Pläne für das Jahr 2020

Das Jahr 2020 ist noch lang. Was haben Sie für dieses Jahr geplant?

Mein Kahl-Ender ist schon prall gefüllt mit jeder Menge Lesungsterminen. Ich werde also wieder ganz viele Wortspiele von den Kindern mitnehmen von meinen Lesungen und sie in mein Wörterbuch auf www.linkslesestaerke.de einbauen. Dann hoffe ich, ein Buch fertig zu schreiben, ein ziemlich langes Jugendbuch dieses Mal. Und zwei weitere Kinderbuch-Pro-Jeck-Tee haben sich auch schon angekündigt. Es wird wohl ein sehr arbeitsreiches Jahr werden mit viel Schreiben und Lesen.

Liebe Frau Janotta, vielen Dank für das määh-ga-sümpf-paar-Tische Interview! Wir sind auf die neuen Projekte schon ganz gespannt und wünschen weiterhin viel Spaß beim Schreiben!

Weitere Infos zur “Linkslesestärke”
(direkt zur passenden Amazon-Seite gelangt Ihr per Klick auf das Cover)

  • Titel: “Linkslesestärke – Eine Mutmachgeschichte für Kinder mit Rechtschreibschwäche”
  • Autorin: Anja Janotta (mit Illustrationen von Stefanie Jeschke)
  • Verlag: Bassermann
  • Seitenzahl: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3809441236
  • Preis: 9,99 Euro
  • Empfohlenes Lesealter: ab 9 Jahren / Kitamaus-Einschätzung: passende Altersangabe

Direkt bestellen könnt Ihr die “Linkslesestärke” von Anja Janotta hier (Amazon-Partnerlink).

Weitere Interviews könnt Ihr gerne in unserer “Elternzeit (per Klick direkt zur Kategorie) nachlesen. Hier lassen wir Eltern zu verschiedenen Themen zu Wort kommen. Ihr habt auch ein Thema, das Euch am Herzen liegt? Dann schreibt uns an info@kitamaus.de.

Nadine
Über Nadine 310 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

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