Interview mit Matthias Arnold: Nachts, wenn alles schläft, erwacht Löwe Leo

Matthias Arnold ist der geistige Vater des wissbegierigen Löwen Leo und seiner Abenteuermaschine. Foto: Matthias Arnold

“Leo und die Abenteuermaschine” – das ist Abenteuer, Spannung und Spaß plus jede Menge Wissen, das so ganz nebenbei vermittelt wird. Die Hörspielreihe für Kids ist mittlerweile schon in die 12. Runde gegangen. Für die Kitamaus durfte ich bereits so einige Folgen besprechen – da wird es Zeit, Euch auch einmal den geistigen Vater des kleinen wissbegierigen Löwen vorzustellen.

Hallo Matthias, stell Dich und den wissbegierigen Löwen Leo doch erst mal kurz vor.
Matthias: Hallo, mein Name ist Matthias Arnold, ich bin stolze 41 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei wunderbaren Jungs. Ich arbeite seit 20 Jahren als Cutter für das deutsche Fernsehen. Seit 2014 schreibe und produziere ich im Eigenverlag das Abenteuer-Wissenshörspiel “Leo und die Abenteuermaschine”. Leo, der schlaue Löwe, besitzt eine Abenteuermaschine; mit dieser reist er zu wichtigen Personen oder Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Er erlebte schon Abenteuer mit Albert Einstein, dem jungen Mozart, einem Indianermädchen, den Piratinnen Mary Read und Anny Bonny, Archimedes, er flog mit der Apollo-11-Crew zum Mond und besuchte unter anderem mit Bruce Lee das Shaolin-Kloster.

Was war die Initialzündung für Dich, selber Hörspiele auf die Beine zu stellen?
Matthias: Das war mein erstgeborener Sohn Tobias. Als er vier Jahre alt wurde und in die “Warum-Phase” eintrat, wollte ich ihm so viele Sachen wie möglich auf kindliche Art und Weise erklären. Ich erzähle halt gern und viel (lacht). Als alter Hörspielfan sucht ich zur Unterstützung passende “Hörerzeugnisse”. Leider war ich nur mit wenigen Dingen zufrieden. Da ich schon so lange in der Medienbranche arbeite, und Geschichte sowie Geschichten meine Leidenschaft sind, habe ich mich entschlossen, ein Wissenshörspiel für meinen Sohn und all die anderen Kinder da draußen zu realisieren.

Wie kommt man bloß auf einen kleinen Löwen als Handlungsträger?
Matthias: Oh… da verweise ich mal wieder auf meinen Sohn. Ich habe ihm damals mit Handpuppen verschiedene Geschichten vorgespielt. Das waren ein Löwe, eine Giraffe und ein Elefant. Der Löwe hieß natürlich Leo. Und von all den Puppen war ihm Leo die liebste Figur. Er liebt ihn noch heute. Somit ist aus der Handpuppe Leo ein Hörspielheld geworden. Tobi war’s. (lacht) 

Was unterscheidet Deine Hörspielreihe von anderen Hörspielen für Kinder dieser Altersgruppe?
Matthias: Es gibt bei Leo keine Schimpfwörter und kein Geschrei. Das mag ich nicht. Weiterhin, und das ist mir sehr wichtig, gibt es bei mir einen großen Erzähler-Part. Nach meinem Wissen haben das nur sehr wenige Hörspiele. Ich finde, Kinder können sich noch nicht alles geistig so vorstellen, wie wir Erwachsene es können. Sie benötigen eine bildliche Fantasieanleitung. Wie erklärt sich ein Kind, was es noch nie gesehen hat? Einen Raketenstart oder ein Olympisches Wagenrennen zum Beispiel? Daher beschreibt Katrin Zierof, meine Erzählerin, immer sehr detailliert, was gerade geschieht. Die Geschichte wird damit plastischer und greifbarer. Das erzeugt eine ungeheure Dynamik.

Woher nimmst Du die Ideen für die Themen für die einzelnen Hörspielfolgen?
Matthias: Ich war schon immer von Geschichte begeistert. Wenn ich könnte, würde ich durch die gesamte Zeitgeschichte reisen und alles mit eigenen Augen sehen. Es gefällt mir, einzelne Menschen und Epochen lebendig werden zu lassen und dabei werden mir die Ideen nicht so schnell ausgehen – versprochen.

In der neuesten Folge reist Leo zusammen mit dem jungen Bruce Lee in das Jahr 1644 zu den Erfindern des Kung Fu – zu den Shaolin-Mönchen. Foto: Mareike Kuhn

Du gibst Dir immer viel Mühe mit den historischen Fakten und gräbst oft historische Persönlichkeiten aus, die im Geschichtsunterricht heutzutage eher Randfiguren sind. Ich denke da zum Beispiel an die beiden Piratinnen Anne Bonny und Mary Read. Verlässt Du Dich bei Deiner Recherche aufs Internet(-Wissen)?
Matthias: Das Zauberwort lautet: Bücher. Ich habe bei mir im Schlafzimmer einen Schrank, der ist von unten bis oben voll mit Geschichtsbüchern. Egal ob Fiktion wie “Der Medicus” oder “Die Säulen der Erde” oder faktenbasierende Geschichtsbände. Ich lese sehr viel. Ich versuche sehr genau zu recherchieren. Für die Mondlandung las ich ein Buch aus den 70er Jahren. Auf Mary Read und Anne Bonny stieß ich in einem alten Buch über Piraten der Meere. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit den Personen und mit der Zeitepoche. Aber natürlich hilft das Internet ungemein. Besonders wenn es um Karten, Bilder und Koordinaten geht.

Sind Deine beiden Söhne Dein Testpublikum, bevor Du mit dem fertigen Skript ins Tonstudio gehst?
Matthias: Früher war Tobias immer mein Testhörer. Erst als er alles verstanden hatte, war das Skript fertig für die Produktion. Das hat sich nach der achten Folge geändert. Er war immer traurig, dass er nicht mehr überrascht wurde – kannte er doch die Geschichte schon. Genau wie alle anderen Kinder möchte er die CD-Hülle aufreißen, die CD einlegen und der Geschichte unbefangen lauschen. Das gönne ich ihm auch. Trotzdem besprechen wir immer noch einzelne Sachen. Er ist mir immer noch eine große Hilfe. Aber langsam weiß ich, was ihm gefällt und was nicht.

Haben die beiden schon einmal gesagt: „Boah, Papa – so geht das ja gar nicht!“?
Matthias: Oh ja, selbstverständlich. Die Mondreise war zuerst komplett anders. Ich fand keinen Weg, Leo an Bord der Mondrakete zu bringen. In meiner Version blieb Leo am Boden im Kontrollzentrum. Als ich das meinem Sohn vorlas, sagte er: “Stopp. Das geht nicht. Leo muss mit zum Mond.” Ich antwortete: “Aber ich weiß nicht wie!” Und er darauf: “Papa, Du hast so viel Gehirn da oben im Kopf, Dir fällt schon etwas ein.” Somit wurden 8.000 Wörter gelöscht und ich fing wieder von vorn an. Aber es hat sich gelohnt. (lacht)

Wie wird aus dem Skript ein Hörspiel?
Matthias: Zuerst kommt die Suche nach der Idee. Das ist der einfachste Schritt. Dann wird recherchiert und alles grob im Geiste geplant. Danach schreibe ich das Skript. Meist nachts, wenn alle schlafen. Danach wird es mehrfach überarbeitet, bis alles passt. Jetzt suche ich die Sprecher und plane die Tonaufnahmen. Das ist total aufwendig, wenn man alles allein macht. Bis dann endlich einmal alle Sprecher können, das Tonstudio gebucht und dann wirklich in fünf Tagen à acht Stunden alles aufgenommen wurde, sind ein paar graue Haare mehr auf dem Kopf. Danach mache ich mehrere Tage lang eine Vormischung. Setze die Dialoge zusammen, wähle die Musik aus und mache mir Gedanken über die Soundkulisse. Nachts – versteht sich. Weiter geht es in die Tonmischung. Diese Arbeit übernimmt für mich die Lauscherlounge in Berlin. Nach zwei Abnahmen müsste das Hörspiel dann fertig sein. Bis dahin habe ich es circa 100 Mal gehört. Jetzt geht alles in Presswerk. Meine Grafikerin zeichnet die Figuren, ich bastle das Cover. Dann melde ich alles schön bei der Gema und dann … irgendwann geht es in den Handel. Und das, liebe Leser, war die Kurzform (lacht).

Wie lange dauert es in der Regel, bis das Hörspiel fix und fertig und gepresst ist?
Matthias: So pauschal kann man das nicht sagen. Ich produziere immer eine Staffel mit vier bis fünf Folgen. Bis diese erdacht und bis zur letzten Folge fertig sind, vergehen rund anderthalb Jahre. Ich habe einmal grob gerechnet, dass das circa vier Monate pro Hörspiel sind. Das ist dann tägliche Arbeit. Ein Mann ist leider nicht so schnell. Oder anders gesagt: Gut Ding will Weile haben.

Matthias Arnold (rechts) mit Synchron- und Hörspielsprecher Charles Rettinghaus bei der Aufnahme im Tonstudio.

Du hat im Laufe der Zeit schon mit vielen Synchrongrößen zusammengearbeitet wie Irina von Bentheim, Charles Rettinghaus oder Ingo Albrecht. Wie war es aber, mit der wohl bekanntesten Hörspielstimme, mit Oliver Rohrbeck, zusammenzuarbeiten?
Matthias: Ich glaube, das war für Herrn Rohrbeck lustiger als für mich. Für mich war es eigentlich nur peinlich. Ich habe mich wie ein verliebter Cheerleader aufgeführt. Gehopst und geschwärmt. Gehopst und geschwärmt. Ich war viel zu früh zum Termin erschienen. Als ich auf Oliver wartete, vertiefte ich mich in ein paar Bücher, die da herumlagen. Als ich also mitten in einen Neuseeland-Bilderband vertieft war, stand er plötzlich hinter mir… und das Gehopse fing an. Er war total professionell und hat einen super Job gemacht. Ich aber saß nur neben den Tonmeister und habe debil gegrinst. Heute kann ich darüber lachen – damals war mir das im Nachhinein total peinlich.

Bislang steht kein Hörspiel-Label hinter Dir, d.h. Du machst von A bis Z alles selbst. Du musst Dich also auch um die Finanzierung kümmern. Ist es schwierig, das Geld für die Produktion einer Leo-Folge zusammenzubekommen?
Matthias: Eine sehr heikle Frage. Viele Leute denken leider: “Was ist da schon dabei, ist ja nur ein Hörspiel.” Aber es steckt eine Menge Zeit, Kreativität und leider sehr viel Geld dahinter. Jeder möchte für seinen Job bezahlt werden, und ich möchte auch jeden bezahlen. Dann kostet jedes Geräusch, jedes Lied einfach mal Geld. Eine CD presst sich auch nicht kostenlos. Die ersten drei CDs habe ich sogar noch selbst zu Hause gemischt. Da überlegt man sich schon, ob man ein Pferd zwei Mal wiehern lässt und dafür noch einmal 15 Euro netto für das eine Geräusch bezahlt. Ein Pferd wiehert sehr oft (lacht). Das geht so weiter. Hätte ich gewusst, auf was ich mich da einlasse – ich hätte die Finger davongelassen. Das Geld kommt von mir selbst. Ab Folge 8 habe ich zusätzlich einen Kredit aufgenommen und versucht, über Crowdfunding etwas von den Kosten zu refinanzieren. Ich erhalte viel Unterstützung von vielen sehr lieben Menschen. Ohne diese Leute würde es Leo nicht mehr geben – oder jedenfalls nicht so viele Folgen. Darüber bin ich unheimlich dankbar. Aber Fakt ist, bisher macht Leo mit keiner Folge Geld. Das ist leider so. Aber ich versuche alles, um das zu ändern. Denn etwas weiß ich, ich kann nicht mehr ohne diesen schlauen Löwen leben – koste es, was es wolle (lacht).

Du bist auch Dein eigenes Marketing-Team. Was unternimmst Du alles, um die Werbetrommel-zu rühren?
Matthias: Da Leo keinen Verlag hat und ich wenig Ahnung von PR habe, steht die Werbetrommel in meinem nicht vorhandenen Keller (lacht). Ich stecke wirklich jeden Cent in die Produktion. Für Werbung bleibt da kein Geld. Dabei ist das das große Problem. Jede Person aus der Wirtschaft weiß: Das beste Produkt ist nichts ohne Werbung. Man steckt meist mehr Geld in die Werbung als in ein Produkt. Das kann ich nicht. Somit bleibt mir ein Facebook- und ein Instagram-Profil. Dabei bin ich Social-Media-technisch echt nicht gut. Ich mag meine Privatsphäre, das beißt sich etwas (lacht). Aber ich gehe auf Messen und halte Schulvorträge. Mehr ist nicht möglich – leider.

So anstrengend und aufreibend das alles sein kann – ich kann mir vorstellen, dass es auch gewisse Vorteile hat, alles in Eigenregie zu machen…
Matthias: Freiheit! Niemand redet mir bei Leo rein, das lasse ich gar nicht zu. Ich schaue nicht auf die handelnden Personen, ob diese gerade Hip oder en vogue sind. Mir egal. Leo ist kein Mainstream. Wer hat denn schon einmal ein Hörspiel über Bruce Lee, Archimedes oder zwei Piratinnen gemacht? Es ist mein Hörspiel und ich bestimme. Das ist ungeheuer erbaulich und Balsam für jede kreative Seele.

Matthias arbeitet hauptsächlich nachts, wenn alles schläft, an “Leo und die Abenteuermaschine”. Foto: Matthias Arnold

Das alles klingt, als ob Leo ein Full-Time-Job ist. Aber hauptberuflich arbeitest Du ja als Cutter für TV-Sendeanstalten. Wie bekommst Du beides unter einen Hut? Wie sieht Dein Tagesablauf aus?
Matthias: Okay, rasseln wir einmal die Eckpunkte runter. 6:15 Uhr aufstehen, Junior aus dem Bett popeln, Frühstück machen und dann in die Schule schicken. Dann ab ins Auto. Zwischen 45 und 60 Minuten zur Arbeit fahren. Kreative TV-Formate schneiden. Nach der Arbeit die gleiche Tour zurück. Abends Frau und Kinder bespaßen. Schulaufgaben, Geschichten erzählen, Kinder ab ins Bett. Danach etwas Paarzeit im Wohnzimmer. Anschließend, während die Dame des Hauses sich beschäftigt, mir den Rechner mit Kopfhörer schnappen und an Leo arbeiten. Gute-Nacht-Kuss und dann ab ins Büro. Wieder Kopfhörer auf und weiter an Leo gearbeitet. Bestellungen erledigt, Social Media gemacht, Texte geschrieben usw. Dann, zwischen 0 und 1 Uhr ins Bett. 6:15 Uhr … der Rest ist bekannt. Aber man lebt doch nur einmal, oder? (lacht)

Neben all der Arbeit bleibt doch hoffentlich noch Quality-Time mit der Familie?
Matthias: Wer mich beim Spielen mit den Kindern oder gar am Wochenende stört, hat schlechte Karten. Ich versuche allem gerecht zu werden. Aber das ist ein ganz schöner Spagat. Ich gebe mein Bestes. Wobei ich mich sehr freuen würde, wenn die eine oder andere organisatorische Aufgabe nicht wäre und ich mehr Zeit für die Familie hätte.

Wie geht es 2020 weiter mit Leo?
Matthias: Erst einmal gemächlich. Bis Ende des Jahres wird es dauern, bis eine neue Folge erscheint. Dann aber mit einem echten Paukenschlag. Vieles wird passieren mit Leo und der Zeit. Ich versuche, mich weiter zu steigern und Leo auf ein ganz neues Level zu bringen. Ich sage nur so viel, es sind vier neue Folgen in der Planung, und die haben es in sich.

Auf Deiner Facebook-Seite hast Du vor kurzem Leo als Tonie-Figur vorgestellt. Gibt es das Hörspiel für schlaue Kids demnächst also auch für die schlaue Box für Kinderohren?
Matthias: Das liegt leider nicht in meiner Hand. Die Toniebox ist ein geschlossenes System. Da kann man leider nicht einfach seine Toniefigur herstellen und draufstellen. Die Firma hinter der Box muss erst ihr Okay geben. Das wird schon einmal schwierig. Und dann muss ich diese Figur erst noch produzieren lassen. Dies ist wieder ein finanzieller Kraftakt. Aber ich habe schon immer nach dem Motto gelebt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Drücken wir der Figur also alle Daumen. Auf Facebook erfährt man dann, ob Hop oder Flop.

Matthias, ich danke Dir für dieses nette Interview – das leider nur aus der Ferne geführt werden konnte.
Matthias: Ich habe zu danken. Es war mir eine Freude. Und ganz liebe Grüße an alle Leo-Freunde da draußen. Ihr seid spitze! Danke.

 

Mareike
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Freie Journalistin und Redakteurin, ab und zu auch Proofreaderin für ein Übersetzungsbüro. Außerdem Mama eines Dreijährigen, der sie liebend gern auf Trab hält.

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