Pflaster drauf, Masern weg –

Wie “Morbillino” ein ganzes Land spaltet

Bald auch in Deutschland

Im Spielwarengeschäft wartet "Morbillino" darauf, dass kleine Puppenmütter ihn von den Masern heilen. (Foto: Nadine Jansen)

“Morbillino” heißt die Puppe, die seit dem Frühjahr in Italien die Gemüter erhitzt. Eine niedlich gemachte Puppe mit roten Punkten. Pflaster drauf, einmal das Zaubertuch gezückt und schon sind die Punkte verschwunden. Ein Highlight für kleine Puppenmütter, die ganz schnell für Genesung sorgen können. Ohne Frage: Viele kleine Mädchen finden das toll! Doch “Morbillino” (die italienische Verniedlichungsform von “Masern”)  hat die Masern. “Morbillino” wird in viele Kinderzimmer definitiv nicht einziehen. Und das hat gute Gründe…

Masern sind kein Kinderspiel

Mal abgesehen davon, dass in vielen Haushalten – Geschenken und einem starken Kinderwillen sei Dank – auch plappernde Einhörner, bunte Elefanten, fliegende Hunde und noch viele andere Spielsachen wohnen, deren Sinn sich einem nicht immer erschließen muss: Ist es richtig, Kindern zu vermitteln, dass Masern per Zaubertuch verschwinden? Mit Glück oder Impfung macht ein Kind keine Masernerkrankung durch. Mit Pech erkrankt ein (noch) nicht geimpftes Kind an den hochansteckenden Masern. Hat es noch mehr Pech, heilen die Masern bei ihm nicht komplikationslos aus, sondern es gehört zu den 10 bis 20 Prozent der Betroffenen (Quelle: https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/masern/auswirkungen/), bei denen die Masern einen schweren Verlauf nehmen. Das muss nicht immer zur schlimmsten Komplikation, nämlich einer akuten Hirnhautentzündung mit Schädigung von Nervenzellen, führen. Aber welcher Elternteil würde schon gelassen bleiben, wenn ein Kind Symptome wie Kopfschmerzen, hohes Fieber, Krampfanfälle und Bewusstseinsstörungen aufweist? Und wer möchte eine bakterielle Superinfektion riskieren, die ebenso wie Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen oder eine Bronchitis Folgen des stark geschwächten Immunsystems nach einer Masernerkrankung sein können? Wohl in keinem Fall würde dann jemand ein “Zaubertuch” herausholen, mit dem man einmal liebevoll über die Masern-Pünktchen oder andere Wehwehchen hinwegwischt. Einmal wischen, alles gut.

 

Spielzeug oder falsche Botschaft?

Natürlich ist nicht zu vergessen, dass es sich bei “Morbillino” um ein Spielzeug handelt. Doch während man Einhörner und bunte Elefanten eindeutig in die Phantasiewelt stecken kann, ist es mit “Maserchen” nicht ganz so leicht. Die Puppe, die vom Spielwarenhersteller “Giochi Preziosi” auf den Markt gebracht worden ist, taucht ausgerechnet in einer Zeit auf, in der die Debatten zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern immer schärfer werden. Die einen liefern wissenschaftliche Beweise und weisen auf medizinische Studien hin. Sie vertrauen dem Robert-Koch-Institut, das immerhin eine Ständige Impfkommission hat. Das RKI empfiehlt eine Impfung überhaupt erst dann, wenn die Impfung als wirksam und unbedenklich gilt, sie von pharmazeutischer Qualität ist und sie mit dem individuellen Nutzen-Risiko-Verhältnis vereinbar ist. (Kriterien zur Abgrenzung einer üblichen Impfreaktion von einer über das übliche Ausmaß hinausgehenden Impfreaktion mit gesundheitlichen Schädigungen werden bei diesen Entscheidungen übrigens immer mit einbezogen): https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/MMR_Masern/Masern.html 

 

Hilfe per Zaubertuch

Der Großteil der anderen wiederum hat Angst vor den Folgereaktionen einer Impfung (weniger aber vor den Folgereaktionen einer Erkrankung), berichtet von medizinisch meist nicht belegbaren Horrorgeschichten und vermutet ein Komplott zwischen der Pharmaindustrie und der Ärzteschaft. Viele von ihnen schwören auch auf das Verabreichen von Globuli als Allheilmittel. Die können – genau wie Smarties – manchmal helfen. Bei ausgewachsenen Erkrankungen wie den Masern fallen sie aber eher in die Kategorie “Zaubertuch”. Und genau das ist es, was das italienische Gesundheitsministerium bemängelt. Wie kann man in Zeiten, in denen immer mehr Eltern sich beeinflussen lassen und ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen, eine Puppe wie “Morbillino” auf den Markt bringen? Eine, mit der eine der gravierendsten Kinderkrankheiten verharmlost wird und die garantiert das Highlight auf jeder Masernparty wäre?

 

“Try me” steht hier. Und siehe da: Handauflegen und etwas Wischen funktionieren. (Foto: Nadine Janse

Der Markteintritt von “Morbillino”

Der Hersteller “Giochi Preziosi” versteht die ganze Aufregung nicht. Gegenüber der Nachrichtenagentur Ansa betonte Dario Berté als Geschäftsführer von “Giochi Preziosi”, dass es sich nur um ein Spielzeug handele, dass die Firma alles mit bester Absicht gemacht hätte.” Kinder hätten immer schon Doktorspiele gemacht und sich um kranke Puppen gekümmert. Niemals zuvor jedoch musste eine Puppe von Masern geheilt werden. Der Markteintritt in Italien jedoch kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Erst kurz zuvor war ein erst zehn Monate altes Kind in Süditalien an den Folgen einer Masernerkrankung verstorben. Mit zehn Monaten war das Kind noch zu jung für eine Masern-Impfung gewesen.

“Mit Krankheiten spielt man nicht.” (Walter Ricciardi)

Walter Ricciardi als Präsident des Gesundheitsforschungsinstituts “Istituto superiore di sanità” verurteilt die Markteinführung von “Morbillino” jedenfalls scharf. Alleine der Grundgedanke, bei einer Krankheit wie den Masern mal eben mit einem Zaubertuch drüber zu wischen und so die roten Pünktchen verschwinden zu lassen, führe zur Banalisierung und Unterschätzung einer Pathologie, die, wie alle viralen Krankheiten, sehr heimtückisch sei. Eine Krankheit wie die Masern mit einem Spiel zu assoziieren sei irreführend: “So läuft man Gefahr, dass die Personen sich mehr um die Impfung sorgen, die jedoch sicher ist, als um die Krankheit, die hingegen absolut nicht banal ist.” 5004 gemeldete Masernfälle gab es im Jahr 2017 in Italien. Das ist mehr als ein Drittel aller Fälle in Europa. Alleine in den ersten fünf Monaten des Jahres 2018 forderten die Masern europaweit schon 25 Todesopfer – darunter der zehn Monate alte Junge aus Catania. Ricciardis Botschaft ist klar: “Mit Krankheiten spielt man nicht!”

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Impfungen in Italien sind Pflicht

Doch Eltern haben in Italien kaum noch die Möglichkeit, Krankheiten wie die Masern auf die leichte Schulter zu nehmen. 2017 wurde – wegen der erneuten Masernepidemie – für das gesamte Land die Impfpflicht eingeführt. Kinder, die beim Eintritt in den Kindergarten oder die Vorschule nicht geimpft sind, erhalten keinen Platz. Und das gilt nicht nur für eine Impfung gegen die Masern, sondern auch gegen Diphterie, Hepatitis B, Haemophilus influenzae b (Hib), Keuchhusten, Polio und Tetanus. Hinzu kommen derzeit Mumps, Röteln und die Windpocken. Zehn Impfungen, die erforderlich sind, um eine öffentliche Einrichtung besuchen zu können. Viele der privaten Träger haben mittlerweile nachgezogen. Impfungen dürfen nur dann verschoben oder ausgelassen werden, wenn medizinische Gründe dafür vorliegen. Diese muss ein Arzt jedoch attestieren. Mit dem Verzicht auf einen Kindergartenbesuch ist es aber nicht getan: Eltern, die ihre Kinder nachweislich nicht impfen, drohen Bußgelder zwischen 500 und 1000 Euro. Die Entscheidung im Parlament war trotz anhaltender Proteste von Impfgegnern, die sich in der Maßnahme ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit beraubt sahen, übrigens eindeutig: 296 zu 92 Stimmen waren für die Einführung der Impfpflicht.

 

Fröhliche Werbung zu einem ernsten Thema

Und während am Küchentisch vielerorts darüber diskutiert wird, welche der zehn Impfungen für die Kindergarten-Einschreibung noch fehlen, flimmert im Hintergrund die “Morbillino”-Werbung über den Bildschirm: Fröhlich klingende Musik, eine singende Anpreisung der Masernpuppe und zwei kleine Mädchen, die sich sichtbar über jede Maser freuen. Bezeichnet werden die roten Punkte in der Werbung als “piccoli bua” – als kleine “Auas”. Die Mädchen lachen. Etwas Creme, dann das Zaubertuch und ein Pflaster. Wieder fröhliche Gesichter: Der Puppe geht es gut, den Kindern auch. Was so ein bisschen Zauberei doch alles bewirken kann! Kopfnicken bei den Impfgegnern: Na klar, so heftig sind Masern ja auch nicht. Kopfschütteln bei denjenigen, die ihre Kinder mit einer Impfung vor Masern schützen wollen. Eine Masernpuppe? Ernsthaft? Man wird sich dran gewöhnen müssen: “Giochi Preziosi” hat bereits angekündigt, die Puppe trotz aller Proteste nicht vom Markt zu nehmen.

Markteinführung in Deutschland steht an

Und nicht nur das: Die deutsche Markteinführung ist längst geplant. Am 15. September 2018 geht es los. Unter einem anderen Namen und offiziell nicht mit Masern, sondern mit Windpocken. Dazu die recht nüchterne Produktbeschreibung: “Cicciobello hat Windpocken. Reibt man über die roten Punkte verschwinden sie und er ist wieder gesund. Mit Tuch, Köfferchen und Pflasterbögen. Ab 3 Jahren.” Vorbestellbar für Freunde dieser Puppe bereits jetzt: * https://amzn.to/2v3t1jS

In Italien trägt man mit dem Kauf von “Morbillino”, der rot gepunktet im Spielwarengeschäft sitzt, übrigens zu einem Projekt bei, das den Einsatz von Clowns in Kinderkrankenhäusern fördern will. – Also dem Ort, an dem “Morbillino” wohl landen würde, wenn er wirklich eine derart ausgewachsene Masernerkrankung hätte. Doch keine Sorge: Das Zaubertuch und ein Pflaster helfen – zumindest in diesem, ganz speziellen Fall.

 

Weitere Informationen zu den Impfungen gegen Masern findet Ihr auf der Seite des Robert-Koch-Instituts, und zwar hier: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/MMR_Masern/Masern.html

Weitere Themen aus der Rubrik “Bunt gemischt” der Seite http://www.kitamaus.de findet Ihr hingegen hier: http://kitamaus.de/category/gemischt/

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Nadine
Über Nadine 159 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

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