Kinder, die Nachhilfe benötigen, sind keine Versager – im Gegenteil!

Ist der Anschluss an den Unterrichtsstoff erst einmal verpasst, fällt das Aufholen ohne Nachhilfe schwer. (Foto: shoppingankauf / Adobe Stock)

Es gibt Vorurteile und Allgemeinplätze, die derart nervig und unangebracht sind, dass man sein Gegenüber am liebsten schütteln möchte. Wie etwa bei der leider noch immer verbreiteten Meinung, dass ein Kind, das Nachhilfe benötige, ein Versager sei. Ist es nicht!

Jeder ist anders…

Denn jeder hat seine Zeiten, seine Ansprüche an bestimmte Noten oder einfach andere Interessen. Ein Kind, das in Mathe schlechte Noten erzielt, kann in anderen Fächern ein Überflieger sein. Ist einfach so. Wäre ja auch langweilig, wenn es bei jedem gleich wäre. Abgesehen davon kommen gerade in der Mittelstufe einfach andere Interessen auf. Wer kann sich schon auf Geometrie konzentrieren, wenn man gerade eine WhatsApp vom Schwarm bekommen hat? Ganz ehrlich: Können Erwachsene doch auch nicht. Wie oft ist schon etwas bei der Arbeit liegen geblieben, weil man gerade mit den Gedanken woanders war? Wie oft hat man einen Rüffel vom Chef bekommen, weil er mit etwas nicht ganz zufrieden war? Der Vorteil als Erwachsener: Man macht es einfach später. Oder an einem anderen Tag. Oder gibt es an einen Kollegen ab, der sich auf dem Gebiet vielleicht besser auskennt. Ein Schüler kann das nicht. Einmal durchgenommener Unterrichtsstoff ist verpasst. Wer nicht aufgepasst hat und eine Formel nicht kennt, kann ganze Aufgaben nicht lösen. Und wie bekommt man dann den Anschluss wieder?

Ganz einfach: Die Lösung ist Nachhilfe!

Beim Nachhilfeunterricht werden systematisch Wissenslücken geschlossen. Es gibt so viele Gründe für Nachhilfe: Bestehende Wissenslücken, eine längere (krankheitsbedingte) Abwesenheit, die intensive Vorbereitung auf eine Klassenarbeit oder eine Abiturprüfung. Oder auch das Interesse, einen Bereich besonders zu vertiefen, nicht verstandene Fehler in einer Klassenarbeit. Und egal was es ist: Jeder Schüler hat bereits einen fundierten Wissensstand mit dem man arbeiten kann. Bei dem einen mag dieser mehr und beim anderen weniger ausgeprägt sein. Doch es gibt einiges, womit ein Nachhilfelehrer arbeiten kann. Kein Schüler ist dumm, keiner nicht aufnahmefähig. Jeder Schüler braucht allein den richtigen Zugang zum Lehrstoff, den richtigen Lehrer, den richtigen Ansporn.

 

Aber klappt Nachhilfe wirklich?

Aber bringt Nachhilfe wirklich was? Ja, das ist es möglich! An dieser Stelle extra eine vage Aussage. Denn Schüler und Nachhilfelehrer müssen zueinander passen. Wenn die Sympathie nicht stimmt, dann fällt auch das Lernen schwer. Das lässt sich ganz einfach auch auf den Schulalltag übertragen: Der Lehrer ist ein (sorry!) Idiot? Tja, Idioten gibt es überall – auch in der Schule. Und vielleicht hat gerade Euer Kind so ein Exemplar erwischt, mit dem Ihr im Kollegenkreis auch ein Problem hättet. Bereits an dieser Stelle sinkt bei vielen die Motivation. Lässt der Lehrer auch noch ein paar gemeine Sprüche fallen oder führt das Kind (vielleicht auch unwillentlich) vor der Klasse vor, ist bei vielen auch die Lernbereitschaft dahin. Warum für ein Fach lernen, das so unattraktiv geworden ist? Das jeden Morgen Bauchschmerzen bereitet, wenn es auf dem Stundenplan steht? Hey, da müssen Eltern durchaus mehr Verständnis zeigen. Jedes Kind hätte gerne gute Noten. Jedes weiß, dass es mit einem schlechten Zeugnis nirgendwo prahlen kann.

 

Mein Kind will keinen Nachhilfeunterricht nehmen – und nun?

Durchaus denkbar, dass Euer Kind keinen Nachhilfeunterricht will. Aber warum? Einerseits, weil es immer noch blöde Vorurteile gibt. Andererseits, weil es natürlich weniger Freizeit haben wird. Wer sitzt schon gerne im Nachhilfeunterricht, während die Klassenkameraden im Freibad liegen? Auch hier: Das wäre bei uns Erwachsenen doch nicht anders. Wer hat schon gerne Spät- oder Nachtdienst, wenn gerade ein guter Film im Kino läuft? Oder wer möchte an Weihnachten arbeiten, wenn alle gemütlich unterm Weihnachtsbaum sitzen. Der Trost eines Erwachsenen: Schichtzulagen, Geld, Karriereaussichten. Die Perspektive eines Kindes: ein Blatt Papier mit Noten. Ist zwei Tage später fast vergessen und dann sind erst einmal Ferien. Wenige haben die Weitsicht, dass mit guten Noten Weichen gestellt werden können. Aber auch das ist in einem Alter, in dem es sich um die ersten Partys, die erste Verliebtheit, die ersten Ausflüge und Urlaube ohne die Eltern dreht, vollkommen normal. Das war bei uns doch nicht anders…

 

Denkt doch einmal an Eure eigene Kindheit zurück!

So, und jetzt Hand aufs Herz: Wie waren Eure Noten früher? Wo habt Ihr Hilfe bekommen? Wo hättet Ihr welche benötigt? Und ganz im Ernst: Wäre ein Englischkursus vielleicht nicht immer noch angebracht? Ein Kursus, den Ihr aber vielleicht nicht macht, weil Ihr nicht noch weniger Freizeit haben wollt? Weil Ihr andere Prioritäten im Leben habt? Weil es Euch einfach nicht interessiert? Oder weil Ihr vielleicht extra einen anderen Job gewählt habt? Das ist doch schon einmal ein guter Ansatz: So anders ticken Schüler gar nicht, die am Nachmittag NICHT lernen wollen. Verständnis Eurerseits statt häufiger Notenkritik kann Euer Kind zugänglicher für Nachhilfe machen. Vielleicht aber auch ein kleiner Anreiz? Ein Kinobesuch, wenn die ersten fünf Nachhilfestunden überstanden sind? Oder eine Belohnung für die nächste (bessere) Note. Verlangt nicht zu viel auf einmal! Auch Nachhilfeunterricht kann Fehler und Unwissen nicht innerhalb von zwei Stunden ausbügeln.

 

Die Französischstunden waren die lustigsten – die Noten nicht wirklich amüsant…

Bei mir waren es Chemie, Französisch und Mathematik, die mir die Schule schwer gemacht haben. Und bei Euch? In allen Fächern hatte ich schlechte Noten. Für alle Fächer wollte ich nicht lernen. Einen blauen Brief habe ich wegen Chemie und Französisch bekommen, sitzengeblieben bin ich nie. Die Gründe für die Fachunlust ganz unterschiedlich: Beim Chemielehrer kräuseln sich mir jetzt noch die Zehennägel, wenn ich ihn – äußerst selten – mal in der Fußgängerzone meiner Heimatstadt sehe. Mein Französischlehrer hingegen war sehr nett, aber noch viel netter mein bester Freund, mit dem ich gemeinsam in der letzten Reihe saß. Er hat später Russisch und Deutsch auf Lehramt studiert, ich Italienisch und Deutsche Philologie auf Magister. Wir mochten Sprachen. Nur eben das Französische nicht. Und wir waren im besten Teenageralter und hatten uns wahnsinnig viel zu erzählen. Die Französischstunden waren mit die lustigsten meiner Schulzeit, die Noten nicht ganz so amüsant. Und den Französischlehrer mal wiederzusehen, fände ich toll. Den mochte ich wirklich. Bei  Mathe hingegen? Einfach kein Interesse und wirklich nichts verstanden…

 

Aber wie kann Nachhilfe weiterhelfen?

Genau das ist aber der Ansatz: Nachhilfestunden helfen dabei, etwas zu verstehen, was man vorher nicht verstanden hat. Und das Lerninteresse wiederum steigt und fällt mit der Qualität der Nachhilfelehrer. Wer wirklich begeistern kann, erzielt bei seinem Schüler auch Lernerfolge. Ein Nachhilfelehrer konzentriert sich ganz auf einen Schüler oder eine Kleingruppe, setzt beim vorhandenen Wissensstand an und baut diesen kontinuierlich aus. Schon kleine Erfolge lassen sich damit bei jeder Nachhilfestunde erzielen. Eine Formel nicht verstanden? Probleme bei der Konjugation eines Wortes? Auch der Unterrichtsstoff kann in einer Nachhilfestunde besprochen werden. Anders als im Schulunterricht, der meist einem Buch folgt, wird eine Nachhilfestunde ganz individuell ausgerichtet. Und der Schüler wird in dem, was er bereits kann, bestärkt. Das kann positive Auswirkungen auf die Beteiligung am Unterrichtsgespräch haben, aber auch das Interesse am Fach erhöhen. Oft versucht ein Nachhilfelehrer bereits beim Kennenlernen den genauen Wissensstand und die Problematiken des Schülers zu erfassen. Hilfreich ist es für ihn oft, wenn er sich zum Beispiel die letzte Klassenarbeit ansehen kann oder auch weiß, mit welchem Buch in der Schule gearbeitet wird. Jeder erklärt anders – und vielleicht erklärt ein Nachhilfelehrer einfach verständlicher als der Lehrer in der Schule. Es mag viele Lehrer geben, die gut in ihrem Fach sind, aber nicht jeder ist zum Unterrichten geboren.

 

Nicht jeder Lehrer ist zum Unterrichten geboren

Unvergessen bei mir die Reaktion meiner Mathe-Lehrerin, als ein Mitschüler eine Frage stellte, die sie nicht beantworten konnte. Hut ab vor der Ehrlichkeit der Frau, die überlegte, zugab, dass sie die Antwort nicht kenne und kurz aus der Klasse rannte, um in einem der Nebenräume einen anderen Mathe-Lehrer um Hilfe zu bitten. Doch sie war es auch, die mir den Stoff überhaupt nicht vermitteln konnte. Nicht allein ihre Schuld, denn etliche Mitschüler verstanden es trotzdem. Sie wurden besser, ich immer schlechter, da ich aufgrund meiner Wissenslücken nicht mehr folgen konnte. Und dann kam er: Ein Student, der zwei Jahre vor mir an einem anderen Gymnasium Abitur gemacht hatte. Vermittelt über einen gemeinsamen Bekannten, den ich – aus Panik vor der mündlichen Mathe-Prüfung im Abitur (ließ sich nicht vermeiden) – um Hilfe gebeten hatte. Mathe, mein absolutes Angstfach! Mein Nachhilfelehrer holte seine Buntstifte heraus, ließ diese durch das Wohnzimmer seiner Eltern jagen und verdeutlichte mir so, was genau Vektoren sind und wozu ihre Berechnung hilfreich sein könnte. Endlich platzte der Knoten. Es ging doch. Und wie! Die erste und einzige Kurvendiskussion mit anschließender Vektorberechnung rechnete ich ausgerechnet in der Abiprüfung richtig. Weil es einen Nachhilfelehrer gab, der mir die Mathematik besser und anschaulicher vermitteln konnte als meine Lehrerin.

 

Wie finde ich einen geeigneten Nachhilfelehrer?

Wo aber gibt es diese guten Nachhilfelehrer? Umhören, einfach umhören! Oft kennen selbst die Lehrer ehemalige Schüler oder Schüler höherer Klassen, die sich gerne etwas dazu verdienen. Die jünger sind, die die Schulprobleme Eurer Kinder oft besser verstehen als Studienräte im Ruhedienst. Wetten, dass es so auch gleich etwas mehr Spaß macht, als den Nachmittag mit einem weiteren Lehrer zu verbringen? Außerdem gibt es in jeder größeren Stadt Studienzentren, Nachhilfeinstitute oder auch Nachhilfeportale, auf denen man entweder selbst aktiv nach einem Nachhilfelehrer suchen kann oder Nachhilfelehrer ihre Dienste anbieten. Aushänge in der mathematischen Fakultät der Uni können ebenfalls helfen. Doch fangt erst einmal mit einer Schnupperstunde an. Vertraut auf das Urteil Eures Kindes! Der Nachhilfelehrer ist ihm extrem unsympathisch? Dann versucht es mit einem anderen! Jeder hat andere Sympathien. Aber für jeden gibt es auch die geeignete Hilfe. Und die Belohnung später sowieso: Alleine schon eine leichte Notenverbesserung ist genügend Grund zur Freude. Zeigt das auch! Setzt Eure Wunschziele nicht zu hoch, haltet sie erreichbar. Lob ist eine nicht zu unterschätzende Motivation. Vielleicht genau der Anstoß, den Euer Kind noch braucht…

 

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„Mit meinem Text “Kinder, die Nachhilfe benötigen, sind keine Versager – im Gegenteil” bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018. Drückt mir die Daumen!

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Weitere Themen rund um Schulkinder gibt es hier: http://kitamaus.de/category/schulkinder/

 

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Nadine
Über Nadine 110 Artikel
Freie Journalistin, Redakteurin sowie Geprüfte Übersetzerin für Italienisch - und Mama einer zweijährigen Kitamaus, die das Leben ganz schön spannend macht.

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